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Picasso lässt grüßen: Der mexikanische Künstler Roberto Marquez verarbeitet in seinen Bildern die Kriegshandlungen rund um Kiew, hier die Zerstörung der Brücke von Irpin. Foto: Alexey Furman/Getty Images via Süddeutsche Zeitung

Ein Mädchen steht bei Makariw nahe Kiew auf einem zerstörten russischen Panzer. Foto Reute

Der Krieg so nah: Ein Mädchen steht bei Makariw nahe Kiew auf einem zerstörten russischen Panzer. Foto Reuters

 

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Die Russen kommen, die Russen kommen…

Beitrag für die Text-Sammlung des Literaturhauses Wien "Stimmen gegen den Krieg" von Ernst Josef Lauscher
 

Das erste, was mir zum Krieg in der Ukraine einfällt, ist mein Vater. Wie meine Mutter war er Kommunist, studierte 1936 an der Moskauer Parteischule, wurde 1938 verhaftet und für sieben Jahre in den Konzentrationslagern Dachau und Maut-hausen inhaftiert. Dort lernte er russische Kriegsgefangene kennen, spielte mit ihnen Schach und lernte Russisch. Als glühender Kommunist, nichts anderes will mir zu seiner damaligen Haltung einfallen, war die (damalige) Sowjetunion für Vater Hoffnung und Verheißung zugleich. Das blieb auch nach dem Krieg so. Was die KPdSU verkündete, war wie in Stein gemeißelt. Dabei wurde gern vergessen oder besser musste verdrängt werden, dass der verehrte Stalin ein Verbrecher war, der seine eigenen Leute umbringen ließ, Millionen Mensch umsiedelte und Hungerkatastrophen auslöste. 1968 bekam das Bild der glorreichen Sowjetunion Risse. Dass die Russen in der Tschechoslowakei einmarschierten und das zarte Pflänz-chen des „Prager Frühlings“ zertrampelten, war für meinen Vater eine echte Katastrophe. Er hoffte auf einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, wohl wissend das die sowjetische Nomenklatura die von Nikita Chruschtschows auf dem 20. Parteitag der KPdSU offengelegten Verbrechen Stalins, die Terror-Kampagne, die Große Säuberung, den Gulag, die Millionen Toten Stalinscher Diktatur, bald unter den Teppich des Schweigens gekehrt haben wollte. Heute stellt Putin Stalin wieder auf den Sockel der Heldenverehrung, weiß sich eins mit ihm und regiert wie er. Mit dem Kommunismus alter Prägung hat das nichts zu tun. Putin benötigt keine Dogmen und keine Rechtfertigung, um zu regieren. Putin hat kein Programm und beruft sich nicht auf Manifeste oder Theorien, er herrscht, wie alle Herrscher vor ihm, unduldsam gegen Andersdenkende und mit der Absicht, sein Reich zu vergrößern.  Mein Vater war nach 1968 in „seiner“ Partei bald isoliert. Die Verdrängung der Folgen kommunistischer Herrschaft hatte aufgehört zu funktionieren. „Seine“ Partei schob ihn ab, wie man jahrzehntelang alle „Abweichler“ abgeschoben und mundtot gemacht hatte. Vater hatte es nie verwunden und konnte doch nicht darüber sprechen. Wenn ich die Nachrichten verfolge, die Bilder vom Krieg sehe, erinnere die Erzählung eines ehemaligen Genossen, der uns eines Sonntags, es muss 1973 oder 1974 gewesen sein, besuchte. Dieser Genosse, ich nenne ihn hier Georg, berichtete, dass er als Soldat der Wehrmacht 1943 zu den Russen übergelaufen war. Er sprach fließend Russisch und brachte Rotarmisten Deutsch bei, die hinter der Front abspringen sollten. Keiner der jungen Soldaten kam zurück. Ihre Deutschkenntnisse waren zu mangelhaft gewesen. Georg machte dies zum Thema einer Unterhaltung mit seinem Vorgesetzten, kritisierte, das sie Kanonenfutter produzierten. Am nächsten Morgen, wurde er von Rotarmisten aus dem Bett geholt, in den nahen Wald gefahren und erschossen. Weil die Soldaten schlecht zielten, womöglich hatten sie ein schlechtes Gewissen, einen Genossen zu erschießen, überlebte Georg, wurde von russischen Bauern gesund gepflegt. Vater und Georg stehen vor mir, wenn ich die Bilder aus der Ukraine sehe und wären wie ich entsetzt und traurig.

https://www.literaturhaus.at/index.php?id=10189

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A sculpture of Ukrainian national hero and bard Taras Shevchenko near the ruins of the local Palace of Culture in Dergachi, Ukraine. Photograph: John Moore/Getty Images

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https://www.washingtonpost.com/world/2022/05/12/ukrainian-refugees-france-ferry/

A ferry in France is a floating refuge for more than 800 Ukrainians By Rick Noack and Sandra Mehl, May 12, 2022 at 12:52 p.m. EDT

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Literatur und Ukraine

Der europäische Charakter der russischen Kultur wird auch und gerade in Zeiten des Überfalls auf die Ukraine betont. Doch sollte man endlich genauer hinschauen. Denn russischer Humanismus folgt dem Irrglauben, dass «es keine Schuldigen auf der Welt gibt» (Tolstoi). Oksana Sabuschko 28.04.2022, 05.30 Uhr

 

«Warum nur?», fragte mich eine deutsche Bekannte, bestürzt von den Bildern des Gemetzels in Butscha. «Warum machen die das?»

Wie ein Baum in einem Samenkorn sind in dieser Frage mehrere Regalmeter Bücher verborgen, die zweifellos bald den Buchmarkt überschwemmen werden, Bücher, die einer grundlegenden Neubewertung der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts gewidmet sein werden. Dann wird man verstehen, wie die westliche Kultur so desorientiert sein konnte und gut zwanzig Jahre lang das geradezu lehrbuchhafte Entstehen, Wachsen und Gedeihen eines erneuerten Totalitarismus 2.0 in Russland derart ignorierte und fast wie absichtlich all jene Verhaltensmuster der 1930er Jahre wiederholte, mittels deren man seinerzeit Hitler «aufgepäppelt» hatte.

Blinde Flecken im Auge

Selbst nach Butscha empfiehlt mir mein Facebook-Feed einen Artikel von John Mearsheimer im «Economist» vom 19. März über die «ukrainische Krise» (entsprechend dieser Logik handelte es sich im September 1939 um eine «polnische Krise»!).

Darin: aufdatierte Ratschläge, wie man «Hitler pazifizieren» könne, und das totale Unvermögen des amerikanischen Autors, historische Analogien zu erkennen. Trotz meiner aufrichtigen Abneigung gegenüber Mearsheimer, wenn er vom fernen Chicago die Welt belehrt, warum ich und vierzig Millionen meiner Landsleute uns einem Serienmörder ans Messer liefern sollten, und bei aller Sympathie zu meiner deutschen Bekannten, einem Menschen mit exquisitem Geschmack und der Fähigkeit zu feinen Seelenregungen, muss ich doch sagen, dass sie beide ganz ähnlich denken: Sie denken wie Menschen, die in der gleichen Kultur gross geworden sind, mit den gleichen Vorzügen und den gleichen blinden Flecken im Auge.

Meine deutsche Bekannte weiss aus erster Hand – ihrer Mutter – von den Greueltaten der Roten Armee in Berlin 1945: von deren Jagden auf Zivilisten mit scharfer Munition; von einem mittelalterlichen Ausmass an Plünderungen, den Unmengen geraubter Teppiche und Uhren, die waggonweise nach Russland geschafft wurden; von den Müttern, die vor den Augen ihrer Töchter vergewaltigt wurden; von Mädchen mit zerfetzter Vagina; also all dem, was sich den Augen der Welt auch jetzt nach der Befreiung der Orte in der Umgebung Kiews von den russischen Okkupanten wie ein düsteres «copy and paste» offenbarte.

(Nicht zufällig wurde in Russland für den Sieg im Zweiten Weltkrieg anstelle des europäischen «Nie wieder!» der Slogan «Wir können es wiederholen!» geprägt – und nun wird wiederholt, das Ziel jetzt: ein Putinsches KGB-Imperium, ein Rekonstruktionsversuch kolossaler Dimensionen . . .)

Aber wie alle Deutschen hat meine Bekannte gegenüber Russland Schuldgefühle und findet für deren Verbrechen im Europa des Jahres 1945 – wenn nicht eine Rechtfertigung, so doch eine Erklärung, frei nach der Logik «wie du mir, so ich dir».

Doch was haben die Ukrainer mit dieser Logik zu schaffen? Die Ukraine hat Russland nicht angegriffen, und überhaupt sind wir Ukrainer für die Russen doch angeblich ein «Brudervolk» mit gemeinsamer Geschichte, wie man in ihren Schulbüchern nachlesen kann. Woher kommt also auf einmal dieser neue Völkermord? Dieses Toben eines hochherrschaftlichen Sadismus, die Befehle der Kommandeure, die der ukrainische Geheimdienst mitgehört hat: «Fickt sie tot!», oder der Wunsch eines Kinds an seinen Vater, «möglichst schnell alle Ukrainer zu töten und dann nach Hause zu kommen»?

Das Böse irgendwie verstehen

Wie bei Mearsheimer und andern westlich aufgewachsenen Menschen lassen deren Überlegungen das unbedingte Bedürfnis erkennen, das «Böse zu rationalisieren». Der Versuch, den Standpunkt des Verbrechers einzunehmen, seine Motive und Ziele zu verstehen, wie ein Scholastiker die Rolle des Advocatus Diaboli zu übernehmen (die unzähligen, verzweifelten Anstrengungen kartesianisch geschulter Hirne, zu dechiffrieren, «was Putin will» – das ist die wahre Scholastik der Neomoderne!).

All das bedeutet summa summarum, das Böse irgendwie zu verstehen, in Dialog mit ihm zu treten. Und in den letzten zweieinhalbtausend Jahren ist der Dialog der westlichen Kultur wie die Luft zum Atmen, und tatsächlich, wenn man in der freien Atmosphäre einer jahrhundertealten Agora aufgewachsen ist, kann man sich nur schwer vorstellen, dass es vor der eigenen Haustür Kulturen gibt, in denen die Menschen wie unter Wasser atmen und ganz trivial jene hassen, die anstelle von Kiemen eine Lunge haben.

Und dies ist nicht einfach eine Abweichung, die sich mit demokratischen Reformen beseitigen lässt. Zu konstatieren ist, dass ein ganzes Land von der Unterwasseratmung infiziert ist und dass ein Monolog, ein totalitärer Monolog entlang einer Machtvertikalen von oben nach unten, in Landschaft, Architektur, Sprache und Ideologie existiert, woraus monotone Städte und Strassen, Filme und Fernsehprogramme, immer die gleichen Denkmäler, im Idealfall «von Lissabon bis Wladiwostok» hervorgehen – ein Gefängnis mit entsprechend brutaler Hierarchie planetarischen Ausmasses.

Fest steht auch, dass aus dem Ei, das die stalinistische UdSSR in Form von Nordkorea legte (und solche Eier legte die Russische Föderation nach dem Zerfall der Sowjetunion ungehemmt auch in Europa, in Transnistrien und Abchasien und als sogenannte Volksrepubliken im Donbas), innerhalb von drei Generationen ein fertiges Modell zur Erneuerung des Stalinismus im (vorläufig noch) gesamtrussischen Ausmass plus Anhängsel Weissrussland schlüpfen könnte. Und dass Butscha keine Ausnahme war, sondern die Regel ist!

Es liessen sich Dutzende Gründe nennen, warum das westliche Bewusstsein gegenüber dem russischen Totalitarismus blind ist. Der offensichtlichste ist natürlich die nie gelernte Lektion über die Sowjetunion, insbesondere der verlogene Diskurs über den Zweiten Weltkrieg, in dem mit stillschweigender Zustimmung alle Verbrechen gegen die Menschlichkeit dem besiegten Nazi-Totalitarismus zugeschrieben wurden, während der siegreiche kommunistische Totalitarismus zu Kräften kommen und unbeklagt und ungestraft wuchern konnte.

Mit der Folge, dass, als an der Spitze Russlands schliesslich ein KGB-Offizier stand – Angehöriger einer Organisation, die seit 1918 direkt für die meisten und grössten Verbrechen gegen die Menschlichkeit über eine einzigartig lange Zeitspanne der modernen Geschichte verantwortlich war –, niemand im Westen mehr erschrecken wollte, so wie das etwa bei einem Gestapo-Offizier der Fall gewesen wäre. Und kaum jemandem kam es in den Sinn, dass eine Gesellschaft den Staatsterror nach vier Generationen als Norm hinnehmen würde – denn eine solche Zeitspanne bewegt sich bereits jenseits der Grenze des lebendigen, auf eigener Erfahrung beruhenden Gedächtnisses («So ist es immer schon gewesen!»). Und was lässt sich von einer solchen Gesellschaft auch erwarten, wenn ihr jene «Norm» in Person des Führers der Nation als Vorbild hingestellt wird?

Der Westen war weder moralisch noch intellektuell auf diese Herausforderung vorbereitet.

Westliche Nachkriegskollaboration

Die Nachkriegskollaboration westlicher Eliten mit dem Kreml wartet noch auf eine gründliche Erforschung: So handelte Sartre, wie man inzwischen weiss, im Dienst des KGB, so wurde Hemingway vom KGB bereits in Spanien rekrutiert – was ihn letztlich psychisch fertigmachte, so gibt es auch von den slawistischen Lehrstühlen an den westlichen Universitäten einige unangenehme Geschichten zu erzählen. Die 91-jährige Suzanne Massie, Guru der amerikanischen Slawistik und Verfasserin des Bestsellers «Land of the Firebird. The Beauty of Old Russia», welche Präsident Ronald Reagan und dessen Nachfolger Russland schätzen lehrte, erhielt auf eigene Bitte hin letzten Winter die russische Staatsbürgerschaft, da sie offensichtlich dachte, dass es angenehmer sei, den Lebensabend in einer eigenen Wohnung in St. Petersburg zu geniessen als wegen Hochverrats im eigenen Land im Gefängnis.

Dies sind nur einzelne Einsichten, wir sehen noch nicht das ganze Bild der generationenübergreifenden Inbesitznahme des Westens durch den Kreml – gleich der Schändung von Katja Maslowa durch Dimitri Nechljudow in Tolstois Roman «Auferstehung». Und es geht dabei nicht nur um jene Arten der Kollaboration, die unzugänglich in den FSB/KGB-Archiven aufbewahrt werden, sondern um etwas Subtileres, nämlich das langfristige Aufweichen der Grenzen des noch Annehmbaren in der westlichen Kultur und den allmählichen Übergang von der europäischen Rationalisierung des Bösen zu dessen russischer Normalisierung.

Tolstoi erwähnte ich nicht zufällig. Es ist seine Beobachtung, dass das menschliche Gewissen geschmeidig ist und es hervorragend versteht, sich vor sich selbst zu rechtfertigen. Nachdem Katja Maslowa zur Prostituierten geworden ist, wandelt sich ihr Weltbild derart, dass die Bereitstellung ihres Körpers für Geld, damit Männer ihn vergewaltigen können, ihr zwar nicht unbedingt als ehrenvolles, so doch als ganz normales Gewerbe erscheint.

Im Prinzip ist dies eine geradezu universelle Metapher für die ganze russische Literatur, die man noch immer für europäisch und humanistisch hält. Vergleichbar mit Katja Maslowa nährte sie zweihundert Jahre ein Weltbild, in dem man den Verbrecher nicht verurteilt, sondern bedauert und Mitleid mit ihm hat. Denn «es gibt keine Schuldigen auf der Welt» (wieder Tolstoi), jeder ist imstande, seinen Nächsten aufzuschlitzen, es ist nur eine Frage des Preises. Das ist «russischer Humanismus». Und wenn Sie bereit sind, diesen zu akzeptieren – dann herzlichen Glückwunsch: Sie sind auch bereit für den Einmarsch der russischen Armee.

Und vor diesem Hintergrund ist es Zeit, die russische Literatur unter einem anderen Blickwinkel zu lesen, denn sie hat fleissig an dem Tarnnetz für die russischen Panzer mitgeknüpft. Ich bin in der UdSSR zur Schule gegangen, wo russische Literatur ein Pflichtfach war, und ich erinnere mich sehr gut an den Schock, den ich als Kind bekam, nachdem ich Turgenjews Erzählung «Mumu» gelesen hatte. Ein stummer Leibeigener, eine gute Seele, erschlägt gemäss der Weisung seiner Herrin das ihm einzig nahe Wesen, seinen treuen, kleinen Hund. Die Erzählung sollte bei Kindern Mitgefühl für den Helden und Hass gegenüber der bösen Herrin auslösen. Heute erkenne ich die Leute, die Putin verfluchen, als jene, die durch die gleiche Schule gegangen sind: Sie bemitleiden die Soldaten, die er in die Ukraine geschickt hat, um dort nicht nur Hunde, sondern mit Feuer und Schwert alles Lebende zu massakrieren: arme Kerle, wie sie doch leiden müssen!

Wann und wie die russische Literatur es fertigbekam, den Westen zu verführen, sich als wunderschöne Prinzessin zu inszenieren, die von einer brutalen Macht eingekerkert wird, und schliesslich den Westen still und leise zu infizieren mit ihrer kindisch-passiven Unempfindlichkeit gegenüber dem Bösen – und dies dann auch noch als Tugend auszugeben (so wie Natascha Rostowa in Tolstois «Krieg und Frieden», die unsterblich in ihren Verlobten verliebt ist, freilich in dessen Abwesenheit dem erstbesten Halunken hinterherläuft, der ihr ein verführerisches Lächeln schenkt, wofür der Autor sie aus ganzem Herzen bemitleidet) – damit sollte sich die Russistik an den Universitäten beschäftigen. Doch mit wenigen Ausnahmen reproduziert sie den Mythos vom europäischen Charakter der russischen Kultur.

Und in diesen Mythos passt der KGB-Offizier doch perfekt, nachdem er gezeigt hat, dass er ganz passabel Deutsch spricht und in Larry Kings Talk-Show aufgetreten ist. Das reichte den westlichen Eliten dann auch schon, um ihn als «einen von uns» zu sehen, anstatt ihn vor dem KGB-Hintergrund wahrzunehmen, jenem mit den aufgeschlitzten Bäuchen schwangerer Frauen im Lwiwer NKWD-Gefängnis 1941 und den zersplitterten Schädeln ukrainischer Künstler und Intellektueller vom Massaker in Kiew 1918 bis zum sibirischen Lager Perm-36 im Jahr 1985. Und die heutigen Exekutionen ukrainischer Intellektueller in den besetzten Städten – in Butscha wurde der Tacitus-Übersetzer Oleksandr Kysljuk ermordet – sind die systematische Fortsetzung dessen, was der KGB in der Ukraine verbrochen hat, und diese Verbrechen sind noch lebendig im Gedächtnis von Zeitzeugen, auch wenn das ausserhalb der Ukraine keinen je sonderlich interessiert hat.

Brodsky zertrampelt Kundera

Die Fundamente für Putins Sieg über den Westen wurden bereits früher gelegt. Als Milan Kundera in der «New York Times Book Review» seinen Essay «Einführung in eine Variation» veröffentlichte, in dem er die russische Literatur ausserhalb der europäischen Kultur verortete und erklärte, warum er Dostojewski für unverdaulich hält mit seinem Kult der Emotion und der gleichzeitig offen zur Schau getragenen Verachtung der Vernunft, eilte Josef Brodsky mit wehenden Fahnen herbei, um die russische Literatur zu verteidigen, und verkündete im Tonfall eines sowjetischen Agitators «Warum Milan Kundera in Sachen Dostojewski falschliegt». Er geiferte seinen Opponenten an wie ein heutiger Bot in den Social Media. Eine solche «Debatte» fortzuführen, hatte keiner den Magen.

Inzwischen lässt sich wohl kaum leugnen, dass Putins Angriff am 24. Februar pures Dostejewskitum im Sinne Kunderas war, und genau unter dieser Perspektive lässt sich der Feldzug richtig verstehen: Unberührt vom Denken Kants oder Descartes, aber auch von Clausewitz, handelte es sich um die Explosion reiner destillierter Bösartigkeit, eines lang unterdrückten historischen Neids und Hasses, verstärkt durch das Gefühl absoluter Straflosigkeit. «Warum solltet ihr es besser haben als wir?», fragten die russischen Invasoren die Ukrainer.

Und ja, man hätte dies alles bedeutend früher begreifen können, und nicht nur aus der Lektüre Dostojewskis, wenn man nicht den russischen Staat von der russischen Literatur getrennt hätte (oder wie es auf der glamourösen Einladung an mich zu den Russischen Kulturtagen in Brüssel formuliert war: zwischen den «schmerzvollen Momenten der russischen Geschichte» und der «Schönheit der russischen Literatur»). Sondern zugegeben hätte, dass diese Literatur vom gleichen Fleisch und Blut ist wie die ganze übrige Gesellschaft, für die diese Literatur geschrieben wurde. Diejenigen, die in Butscha eine Mutter an den Stuhl fesselten, damit sie zusehen musste, wie man ihren elfjährigen Sohn vergewaltigte – das sind auch die Helden der wunderschönen russischen Literatur, die ganz normalen Russen, die gleichen wie vor hundert und vor zweihundert Jahren. Und ihre Literatur hat Anteil an deren Erziehung.

Wenn Brodsky und sein russischer Trupp Kundera (und andere Nichtrussen) nicht niedergeschrien hätten auf der kulturellen Landkarte der slawischen Sprachen, dann wären die westlichen Experten vielleicht nicht so in die Bredouille geraten wie jetzt. Anfangs behaupteten sie, Putin sei zu schlau, um die Ukraine anzugreifen, da dies doch völlig irrational wäre, und nach dem Angriff gaben sie der Ukraine höchstens 96 Stunden, bevor ihr Widerstand zusammenbrechen würde, denn was soll dieser «Hinterhof Russlands» schon gegen solch einen Giganten ausrichten?

Bisher habe ich nur einen europäischen Slawisten getroffen, der durch die Orwellsche Wende in Moskau 2014 zutiefst verstört war, die Ukrainer um Entschuldigung dafür bat, dass er sein ganzes Leben durch die russische Brille auf Kiew geblickt habe, sozusagen auf die drittwichtigste Stadt des russischen Imperiums, und dabei die Hauptstadt einer tausendjährigen Kultur nicht wahrgenommen habe. Einer Kultur, zu der das russische Imperium im selben Verhältnis steht wie die russische Armee zu Butscha: Was man stehlen konnte, wurde gestohlen, und was man nicht stehlen konnte, das wurde vernichtet.

Es besteht nun die Chance, dass es mehr solche hellsichtigen Menschen geben wird. Der Weg der Bomben und Panzer wird immer auch von Büchern geebnet, und wir sind zurzeit Augenzeugen davon, wie die Wahl der Lektüre das Schicksal von Millionen beeinflusst. Es ist höchste Zeit, unsere Bücherregale langen und strengen Blickes durchzusehen.

 

Oksana Sabuschko, geboren 1961 und wohnhaft in Kiew, gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern und streitbarsten Intellektuellen der Ukraine. Zu ihren Werken gehören unter anderem der Essayband «Der lange Abschied von der Angst» (2018) sowie der Roman «Das Museum der vergessenen Geheimnisse» (2010). Der Essay ist am 22. April im «Times Literary Supplement» erschienen. – Aus dem Ukrainischen von Alexander Kratochvil. Via NZZ

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A woman at her destroyed house in the village of Vilkhivka. Photograph: Dimitar Dilkoff/AFP/Getty Images