Entwurf Peter Paul Rubens (1577–1640); Workshop Jacques Jordaens (1593–1678), The Death of

Bilder zum Krieg: Entwurf Peter Paul Rubens (1577–1640); Workshop Jacques Jordaens (1593–1678), The Death of Decius Mus, 1617

Die Zerstörung vor Augen - Autowracks auf einem Parkplatz im Kiewer Vorort Irpin, Foto Fra

Die Zerstörung vor Augen - Autowracks auf einem Parkplatz im Kiewer Vorort Irpin, Foto Frank Röth

Mourners at the funeral for Abdulkarim Gulamov, a Ukrainian service member killed in the K

Mourners at the funeral for Abdulkarim Gulamov, a Ukrainian service member killed in the Kherson region last month. (Valentyn Ogirenko Reuters)

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Die Russen kommen, die Russen kommen…

Beitrag für die Text-Sammlung des Literaturhauses Wien "Stimmen gegen den Krieg" von Ernst Josef Lauscher
 

Das erste, was mir zum Krieg in der Ukraine einfällt, ist mein Vater. Wie meine Mutter war er Kommunist, studierte 1936 an der Moskauer Parteischule, wurde 1938 verhaftet und für sieben Jahre in den Konzentrationslagern Dachau und Maut-hausen inhaftiert. Dort lernte er russische Kriegsgefangene kennen, spielte mit ihnen Schach und lernte Russisch. Als glühender Kommunist, nichts anderes will mir zu seiner damaligen Haltung einfallen, war die (damalige) Sowjetunion für Vater Hoffnung und Verheißung zugleich. Das blieb auch nach dem Krieg so. Was die KPdSU verkündete, war wie in Stein gemeißelt. Dabei wurde gern vergessen oder besser musste verdrängt werden, dass der verehrte Stalin ein Verbrecher war, der seine eigenen Leute umbringen ließ, Millionen Mensch umsiedelte und Hungerkatastrophen auslöste. 1968 bekam das Bild der glorreichen Sowjetunion Risse. Dass die Russen in der Tschechoslowakei einmarschierten und das zarte Pflänz-chen des „Prager Frühlings“ zertrampelten, war für meinen Vater eine echte Katastrophe. Er hoffte auf einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, wohl wissend das die sowjetische Nomenklatura die von Nikita Chruschtschows auf dem 20. Parteitag der KPdSU offengelegten Verbrechen Stalins, die Terror-Kampagne, die Große Säuberung, den Gulag, die Millionen Toten Stalinscher Diktatur, bald unter den Teppich des Schweigens gekehrt haben wollte. Heute stellt Putin Stalin wieder auf den Sockel der Heldenverehrung, weiß sich eins mit ihm und regiert wie er. Mit dem Kommunismus alter Prägung hat das nichts zu tun. Putin benötigt keine Dogmen und keine Rechtfertigung, um zu regieren. Putin hat kein Programm und beruft sich nicht auf Manifeste oder Theorien, er herrscht, wie alle Herrscher vor ihm, unduldsam gegen Andersdenkende und mit der Absicht, sein Reich zu vergrößern.  Mein Vater war nach 1968 in „seiner“ Partei bald isoliert. Die Verdrängung der Folgen kommunistischer Herrschaft hatte aufgehört zu funktionieren. „Seine“ Partei schob ihn ab, wie man jahrzehntelang alle „Abweichler“ abgeschoben und mundtot gemacht hatte. Vater hatte es nie verwunden und konnte doch nicht darüber sprechen. Wenn ich die Nachrichten verfolge, die Bilder vom Krieg sehe, erinnere die Erzählung eines ehemaligen Genossen, der uns eines Sonntags, es muss 1973 oder 1974 gewesen sein, besuchte. Dieser Genosse, ich nenne ihn hier Georg, berichtete, dass er als Soldat der Wehrmacht 1943 zu den Russen übergelaufen war. Er sprach fließend Russisch und brachte Rotarmisten Deutsch bei, die hinter der Front abspringen sollten. Keiner der jungen Soldaten kam zurück. Ihre Deutschkenntnisse waren zu mangelhaft gewesen. Georg machte dies zum Thema einer Unterhaltung mit seinem Vorgesetzten, kritisierte, das sie Kanonenfutter produzierten. Am nächsten Morgen, wurde er von Rotarmisten aus dem Bett geholt, in den nahen Wald gefahren und erschossen. Weil die Soldaten schlecht zielten, womöglich hatten sie ein schlechtes Gewissen, einen Genossen zu erschießen, überlebte Georg, wurde von russischen Bauern gesund gepflegt. Vater und Georg stehen vor mir, wenn ich die Bilder aus der Ukraine sehe und wären wie ich entsetzt und traurig.

https://www.literaturhaus.at/index.php?id=10189

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A Ukrainian couple who have been together for 22 years and have joined the fight against invading Russian forces have been married on the front line. Lesia Ivashchenko left her job when the war with Russia started last month and joined territorial defense forces to defend her district on the outskirts of Kyiv. A soldier holds a helmet as a wedding crown during the wedding ceremony. Associated Press: Efrem Lukatsky.

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GASTKOMMENTAR von Timothy Snyder

«Ein Nazi ist ein Ukrainer, der sich zuzugeben weigert, dass er Russe ist» – nun gibt es auch eine russische Anleitung zum Völkermord in der Ukraine.  So wie der Angriff der russischen Armee auf die Ukraine bleibt auch deren Wüten gegen die Zivilbevölkerung unfassbar. Klarheit über die Motive schafft ein Dokument, das die offizielle Presseagentur RIA Nowosti veröffentlicht hat. Es ist ein Aufruf zur Völkervernichtung.

Das Dokument ist immer noch einsehbar und wurde inzwischen mehrfach ins Englische übertragen. Wie ich schon seit Beginn des Krieges betont habe, bedeutet «Entnazifizierung» im offiziellen russischen Sprachgebrauch nichts anderes als die Zerstörung des ukrainischen Staates und der ukrainischen Nation. Ein «Nazi», so erklärt das Handbuch zum Völkermord, ist einfach ein Mensch, der sich als Ukrainer identifiziert.

Dem Handbuch gemäß kam die Gründung eines ukrainischen Staates vor dreißig Jahren der «Nazifizierung der Ukraine» gleich. So ist «jeder Versuch, einen solchen Staat zu errichten», ein «Nazi»-Akt. Die Ukrainer sind «Nazis», weil sie «die notwendige Tatsache, dass das Volk Russland unterstützt», nicht akzeptieren. Die Ukrainer sollen dafür büßen, zu glauben, dass sie als eigenständiges Volk existieren; nur diese Busse kann zur «Erlösung von Schuld» führen.

Spezielle Definition

Für alle, die immer noch denken, dass Putins Russland in der Ukraine oder anderswo der extremen Rechten entgegentritt, gibt das Völkermordprogramm Anlass zum Umdenken. Putins Regime spricht nicht von «Nazis», weil es gegen die extreme Rechte ist, was ganz sicher nicht der Fall ist, sondern benutzt den Begriff als rhetorisches Mittel, um einen unprovozierten Krieg und eine völkermordende Politik zu rechtfertigen.

Putins Regime ist selber die extreme Rechte. Es ist das Weltzentrum des Faschismus. Es unterstützt Faschisten und rechtsextreme Autoritaristen in der ganzen Welt. Indem sie die Bedeutung von Wörtern wie «Nazi» verdrehen, schaffen Putin und seine Propagandisten mehr rhetorischen und politischen Raum für Faschisten in Russland und anderswo auf der Welt.

Wolodimir Selenski ist ein Ukrainer und verkörpert in Putins Sicht somit alles, was «Nazi» bedeutet.

Das Handbuch zum Völkermord erklärt, dass sich die russische Politik der «Entnazifizierung» nicht gegen Nazis in dem Sinne richtet, in dem das Wort normalerweise verwendet wird. Das Handbuch räumt, ohne zu zögern, ein, dass es keine Beweise dafür gibt, dass der Nazismus im allgemeinen Sinne in der Ukraine von Bedeutung ist. Es geht von der speziellen russischen Definition des Begriffs «Nazi» aus: Ein Nazi ist ein Ukrainer, der sich weigert, zuzugeben, dass er Russe ist. Der besagte «Nazismus» ist «amorph und ambivalent»; man muss in der Lage sein, hinter die Welt des Scheins zu blicken und die Affinität zur ukrainischen Kultur oder zur Europäischen Union als «Nazismus» zu entschlüsseln.

Die tatsächliche Geschichte der tatsächlichen Nazis und ihrer tatsächlichen Verbrechen in den dreißiger und vierziger Jahren ist somit völlig irrelevant und wird völlig beiseitegeschoben. Dies steht in völligem Einklang mit der russischen Kriegsführung in der Ukraine. Im Kreml werden keine Tränen über die russische Ermordung von Holocaust-Überlebenden oder die russische Zerstörung von Holocaust-Gedenkstätten vergossen, weil Juden und der Holocaust nichts mit der russischen Definition von «Nazi» zu tun haben.

Dies erklärt, warum Wolodimir Selenski, obwohl er ein demokratisch gewählter Präsident sowie ein Jude ist, dessen Familienmitglieder in der Roten Armee gekämpft haben und im Holocaust umgekommen sind, als Nazi bezeichnet werden kann. Selenski ist ein Ukrainer und verkörpert somit alles, was «Nazi» bedeutet.

Kein Russe kann Nazi sein.

Nach dieser absurden Definition, nach der Nazis Ukrainer sein müssen und Ukrainer Nazis sein müssen, kann Russland nicht faschistisch sein, egal, was Russen tun. Das ist sehr bequem. Wenn dem Begriff «Nazi» die Bedeutung «Ukrainer,  der sich weigert, Russe zu sein», zugewiesen wurde, dann folgt daraus, dass kein Russe ein Nazi sein kann. Da für den Kreml das Nazi-Sein nichts mit faschistischer Ideologie, hakenkreuzähnlichen Symbolen, gigantischen Lügen, Aufmärschen, Säuberungsrhetorik, Angriffskriegen, Entführungen von Eliten, Massendeportationen und der massenhaften Tötung von Zivilisten zu tun hat, können die Russen all diese Dinge tun, ohne sich jemals fragen zu müssen, ob sie selbst auf der falschen Seite der Historie stehen.

Und so kommt es, dass die Russen eine faschistische Politik im Namen der «Entnazifizierung» betreiben. Das russische Handbuch ist eines der offensten völkermörderischen Dokumente, die mir jemals unter die Augen gekommen sind. Es fordert die Liquidierung des ukrainischen Staates und die Abschaffung aller Organisationen, die in irgendeiner Weise mit der Ukraine verbunden sind. Es postuliert, dass die «Mehrheit der Bevölkerung» der Ukraine «Nazis» sind, also Ukrainer. (Dies ist eindeutig eine Reaktion auf den anhaltend erfolgreichen ukrainischen Widerstand; zu Beginn des Krieges ging man davon aus, dass es nur wenige Ukrainer gebe und dass diese leicht zu beseitigen seien. Dies geht aus einem anderen Text hervor, der vorschnell bei RIA Nowosti veröffentlicht wurde, nämlich der «Siegeserklärung» vom 26. Februar.)

Diese Menschen, «die Mehrheit der Bevölkerung», also mehr als zwanzig Millionen Menschen, sollen getötet oder zur Arbeit in «Arbeitslager» geschickt werden, um ihre Schuld, Russland nicht geliebt zu haben, zu tilgen. Die Überlebenden sollen einer «Umerziehung» unterzogen werden. Die Kinder werden zu Russen erzogen. Der Name «Ukraine» wird verschwinden.

Absicht und Tat

Wäre dieses Handbuch zum Völkermord zu einem anderen Zeitpunkt und in einem weniger bekannten Medium er-schienen, wäre es vielleicht unbemerkt geblieben. Aber es wurde mitten in der russischen Medienlandschaft publiziert, während eines russischen Vernichtungskrieges, der ausdrücklich durch die Behauptung des russischen Staatschefs legitimiert wurde, ein Nachbarland existiere nicht.

Russlands Handbuch zum Völkermord wurde am 3. April veröffentlicht, zwei Tage nach der ersten Enthüllung, dass russische Soldaten in der Ukraine Hunderte von Menschen in Butscha ermordet hatten, und gerade als die Geschichte die großen Zeitungen erreichte. Das Massaker von Butscha war einer von mehreren Fällen von Massenmord, die nach dem Rückzug der russischen Truppen aus der Region Kiew auftraten.

Das bedeutet, dass das Völkermordprogramm wissentlich veröffentlicht wurde, als die Beweise für den Völkermord bereits vorlagen. Der Autor und die Redaktoren wählten diesen besonderen Zeitpunkt, um ein Programm zur Auslöschung der ukrainischen Nation als solcher zu veröffentlichen.

Als Historiker in Bezug auf Massenmord fallen mir nur wenige Beispiele ein, in denen Staaten den völkermörderischen Charakter ihrer eigenen Handlungen in dem Moment ausdrücklich ankündigen, in dem diese Handlungen öffentlich bekannt werden.

Aus rechtlicher Sicht macht es das Vorhandensein eines solchen Textes (im größeren Kontext ähnlicher Erklärungen und der wiederholten Leugnung der Existenz der Ukraine durch Wladimir Putin) sehr viel leichter, den Vorwurf des Völker-mordes zu erheben. Rechtlich gesehen bedeutet Völkermord sowohl Handlungen, eine spezifische Gruppe von Menschen ganz oder teilweise zu vernichten, als auch die Absicht, dies tatsächlich zu tun. Russland hat die Tat begangen und sich nun auch zur Absicht bekannt.

Timothy Snyder, Jahrgang 1969, ist amerikanischer Historiker und Professor an der Yale University mit den Schwerpunkten Osteuropa und Holocaust-Forschung. 2010 veröffentlichte er mit «Bloodlands» eine Darstellung zur nationalsozialistischen und stalinistischen Vernichtungspolitik. Zuletzt ist 2020 beim Wiener Passagen-Verlag «Und wie elektrische Schafe träumen wir. Humanität, Sexualität, Digitalität» erschienen. Der abgedruckte Text wurde zuerst auf seiner Website veröffentlicht. Aus dem Englischen von Andreas Breitenstein.

Ukrainian servicewomen attend a rehearsal for the Independence Day military parade in cent

Ukrainian servicewomen attend a rehearsal for the Independence Day military parade in central Kiev, Ukraine, August
22, 2018.  REUTERS/Valentyn Ogirenko

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Was seit drei Monaten in der Ukraine passiert, ist eine Orgie epischer, entgrenzter Gewalt. 

 

GASTKOMMENTAR Sergei Medwedew 19.06.2022, 05.30 Uhr

Die Gewaltverbrechen der russischen Armee in der Ukraine sind der Spiegel einer archaischen Kultur des Bösen, die das Land bis heute nicht aus den Klauen gelassen hat Butscha, Irpin, Mariupol: Das sind Namen, die für die maßlose Gewalt stehen, welche die russische Armee auf dem Gebiet der Ukraine ausübt. Sie wurzelt tief im Innern der russischen Gesell-schaft. Nun dringt nach außen, was zu Hause immer schon der Fall war.

Nach hundert Tagen Krieg stumpft die Fähigkeit ab, entsetzt und schockiert zu sein. Doch dann tauchen neue Beweise für die Gräueltaten der russischen Armee auf, und man stürzt wieder in den Abgrund.

Anfang April holten russische Soldaten im Dorf Termachiwka bei Kiew fünf junge Männer von der Straße, fesselten sie, legten sie im Kreis auf ein Feld, ließen sie zwei Wochen lang so liegen, ein Gewehr auf sie gerichtet. Nachts fielen die Temperaturen auf minus 10 Grad Celsius, es schneite. Einem der Männer schossen sie ins Bein. Neun Tage lag er mit der offenen Wunde da. Dann schleppten die Soldaten die Leiche eines Dorfbewohners an und warfen sie in die Mitte des Kreises: «Damit ihr gut schlafen könnt.»

Diese Soldaten haben wohl kaum den Film «Grus 200» von Alexei Balabanow gesehen – dem prophetischen Regisseur, der unter anderem das Phänomen des russischen Faschismus vorausgesagt hatte –, doch von ihren perversen Phantasien hätte selbst der verstorbene Filmemacher noch etwas lernen können.

Orgie epischer Gewalt

Was seit drei Monaten in der Ukraine passiert, ist eine Orgie epischer, entgrenzter Gewalt. Mit Massenerschießungen und bestialischer Folter, der Ermordung von Zivilisten, einfach so, aus Langeweile, zum Spaß, mit Vergewaltigungen und Morden an Eltern vor den Augen ihrer Kinder und umgekehrt, mit Gewalt an Frauen und Mädchen im Alter von acht bis achtzig Jahren.

Diese Berichte zu lesen, ist unerträglich, aber notwendig, aus einer Pflicht des Mitgefühls und der Empathie heraus, aber auch im Versuch, zu verstehen, woher dieses archaische Böse kommt, das die russische Armee über das Land gebracht hat, aus welchen irdischen Abgründen, aus welchen Albträumen und Horrorfilmen. Hat in Russland eine genetische Mutation stattgefunden, die gleichgültige Sadisten hervorgebracht hat, die jetzt auf ukrainischem Boden angekommen sind?

In der russischen Armee existieren keinerlei Schutzmechanismen gegen ungerechtfertigte, willkürliche Gewalt.

Die Überlebenden, die Zeugen dieser Gräueltaten wurden, erzählen davon gar nicht so sehr voller Angst als vielmehr maßlos erstaunt: «Wpersche take batschymo», so etwas sehen wir zum ersten Mal: «Wir hatten keine Vorstellung davon, dass so etwas möglich ist.»

Man muss nicht Fjodor Dostojewski, Juri Mamlejew oder Wladimir Sorokin sein, um die dunkelsten Winkel der russischen Seele zu erkunden. Man braucht sich nur die Chronik der Polizeigewalt anzusehen, die Folter auf den Polizeirevieren und in den Strafkolonien, die Verbrechen der Armee, um zu verstehen, dass die Ereignisse in Butscha, Irpin und in den ganzen anderen von den Russen okkupierten Städten und Dörfern weder Exzess noch Pathologie sind. Sie sind vielmehr ein Teil der Norm, Routinepraktiken der russischen Gewaltapparate.

Die Journalisten von «Projekt» haben die Vorgeschichte der russischen Einheiten aufgedeckt, die in Butscha stationiert waren – der Name dieses Dorfes bei Kiew wird ab jetzt sprechend sein, wie Katyn oder Samaschki.

Und wie sich zeigt, handelt es sich um Einheiten, die auch in Friedenszeiten für ihre Brutalität bekannt waren. So ist zum Beispiel die 64. motorisierte Schützenbrigade der 35. Armee aus Chabarowsk daheim berühmt-berüchtigt. Ihren Rufnamen «Mletschnik» benutzt man sogar, um Kindern einen Schrecken einzujagen. Immer wieder kommt es dort zu Selbstmorden, Wehrdienstleistende und Vertragssoldaten fliehen aus der Einheit; allein im Februar 2014 gab es in der Truppeneinheit 51 460, die in Knjas-Wolkonskoje stationiert ist, sieben Todesfälle innerhalb von drei Wochen. Es ist bezeichnend, dass Wladimir Putin gerade dieser Einheit nach dem Abzug aus dem Gebiet um Kiew den Ehrentitel einer Gardeeinheit verliehen hat – als würde er sie für die Kriegsverbrechen auszeichnen, die sie begangen hat.

«Dekoder» – deutsche Stimme des liberalen Russland

 Die unabhängige und gemeinnützige Internetplattform «Dekoder.org» macht dem deutschsprachigen Publikum im Wochenrhythmus Texte unabhängiger, liberaler russischer Medien zugänglich. Zugleich erschließt sie den Lesern durch wissenschaftliche Kontextartikel die Realität Russlands. Ziel ist es, die im deutschsprachigen Raum geführten Russland-Debatten durch journalistischen O-Ton zu bereichern. Ein besonderes Augenmerk liegt hierbei auf unabhängigen, nicht vom russischen Staat finanzierten und kontrollierten Internetmedien.

Eine ähnliche Spur zieht die 127. motorisierte Schützendivision der 5. Armee hinter sich her, ebenfalls im Fernen Osten stationiert: Sie taucht regelmäßig in den Verbrechensberichten auf, und in ihrem Umkreis findet man Leichen von Soldaten ohne Kopf.

In Butscha waren nicht irgendwelche Fanatiker am Werk (es gab Gerüchte über Spezialeinheiten der Rosgwardija und von tschetschenischen Truppen – wobei offenbar auch die an den brutalen Massakern beteiligt waren), sondern reguläre Einheiten der russischen Armee, die allen Reformen von Anatoli Serdjukow und großangelegten Imagekampagnen zum Trotz nach wie vor auf Brutalität als einziges Mittel der Führung setzt.

Letalität und Sieg

Jeffrey Hon von der London School of Economics and Political Science hat die gewaltsamen Praktiken der russischen Armee erforscht. Er kommt zu dem Schluss, dass die Kriegsverbrechen der russischen Armee im 21. Jahrhundert – von Tschetschenien und Georgien über Syrien und den Donbass bis hin zum Beginn der gegenwärtigen Phase des Kriegs – ungestraft geblieben sind. Die russischen Streitkräfte haben im Unterschied zu den westlichen Armeen keine institutionelle Kultur entwickelt, die die Verluste unter der Zivilbevölkerung minimieren würde: In der russischen Armee existieren keinerlei Schutzmechanismen gegen ungerechtfertigte, willkürliche Gewalt.

«Die heutigen Gräueltaten der russischen Armee resultieren aus der latenten Unfähigkeit, das Erbe ihres sowjetischen Vorgängers zu überwinden», sagt Hon. «Letalität und Sieg um jeden Preis bleiben die obersten Prioritäten der russischen Armee.»

In der Ukraine kämpfen heute Soldaten aus den depressivsten und kriminellsten Regionen Russlands.

Das Gleiche gilt auch für die anderen Institutionen des russischen Machtapparats: die Polizei, die Omon-Einheiten an die Front schickt, die Russische Garde, das Strafvollzugssystem. In den vergangenen Jahren sind dank der Verbreitung von mobilen Endgeräten in den Strafvollzugsanstalten und dem Zugang zu sozialen Netzwerken Terabytes von schockierenden Beweisen für Folter, Missbrauch und Vergewaltigungen an die Öffentlichkeit gedrungen, die seit Jahrzehnten zur gängigen Praxis in den russischen Gefängnissen gehören und zur Norm im Umgang der Verwaltung mit den Häftlingen und der Häftlinge untereinander geworden sind.

In der Ukraine kämpfen heute Soldaten, die aus den depressivsten und kriminellsten russischen Regionen kommen, wo die Gefängnissubkultur die männliche Bevölkerung maßgeblich prägt: Die meisten Männer haben entweder selbst gesessen oder haben enge Freunde und Verwandte, die gesessen haben, die Jugendlichen dort sind in die Netzwerke der AUE [einer Jugendbewegung, die Verbrechen glorifiziert Verbrechen und Gewalt propagiert] involviert – und jetzt ist diese Ordnung mit ihren «Sitten» und Praktiken der extremen physischen und sexualisierten Gewalt auf die okkupierten Gebiete der Ukraine übergeschwappt: Die russische Gefängniswillkür ist über die Mauern der Lager und über die Grenzen des Landes gedrungen.

Spiegel der Eliten

Dabei beschränkt sich die Gewalt nicht auf staatliche Institutionen, sie herrscht auch in den Familien, in den Beziehungen zwischen Mann und Frau, Eltern und Kindern, Jüngeren und Älteren, Vorgesetzten und Untergebenen. Sie dringt aus den abgefangenen Telefongesprächen zwischen russischen Soldaten und ihren Kommandeuren, in denen Vulgaritäten, Drohungen und Demütigungen grassieren. Aus den Telefonaten und Chat-Nachrichten der Soldaten mit ihren Familien, in denen sich rührselige Sentimentalität mit Grausamkeit und Zynismus vermischt, in denen Ehefrauen ihren Männern sagen, was sie in den Häusern der Ukrainer essen und welche Schuhgröße sie mitnehmen sollen, und andere sie ermahnen: «Beim Vergewaltigen der ukrainischen Weiber nimm ein Kondom.»

Diese Gewalt ist der russischen Gesellschaft in Fleisch und Blut übergegangen, sie ist zum Erkennungscode für eine Gesellschaft geworden, die auf Hierarchie und Unterwerfung gründet, auf dem Wegnehmen und Aufteilen von Ressourcen, in dem die rohe Gewalt über der Moral steht und die Macht über dem Gesetz.

Diese Ordnung wird gebilligt durch das Verhalten der regierenden Schicht, die das einfache Volk mit ihren Blaulicht-Limousinen zu Tode fährt, die immer ungestraft davonkommt; sie wird beglaubigt durch die Reden von Präsident Putin, der lehrt, dass man «die Schwachen haut» und man «als Erster zuschlagen muss», und dafür tosenden Applaus erntet.

Normalerweise ist diese Gewalt, die die soziale und politische Ordnung im Land aufrechterhält und legitimiert, für den inneren Gebrauch reserviert, aber jetzt ist sie zum ersten Mal – mit einer 200 000 Mann starken Invasionsarmee – massenhaft über die russischen Grenzen geschwappt, staatlich sanktioniert und ideologisch begründet. Putins Äußerungen zu den «Nazis und Drogenabhängigen», die er aus den Propaganda-Fakes aufgeschnappt hat (die ihm offensichtlich als Hauptinformationsquelle über die Lage in der Welt außerhalb seines Bunkers dienen), nehmen die Besatzer wörtlich, und sie fragen die überraschten Ukrainer, in deren Häuser sie einbrechen: «Wo sind denn hier die Nazis?»

Wenn wir versuchen zu verstehen, was hinter der Bestialität der russischen Besatzer in der Ukraine steckt, sehen wir, dass das Problem nicht einzelne Sadisten und Marodeure sind, sondern das russische System selbst.

Um bei der Militärmetapher zu bleiben: Russland ist genäht wie ein Soldatenmantel. Nicht wie der von Akaki Akakijewitsch, aus dem die ganze russische Literatur hervorgegangen ist, sondern wie die Uniform eines einfachen Soldaten, eines der grundlegenden Archetypen einer ewig kämpfenden Nation. Der Mantel hat eine Außen- und eine Innenseite. Auf der Außenseite – rau, grob und durchgescheuert von den Jahrhunderten – ist das Land, das Imperium, die Weite, der Krieg, sind die Panzer und Flugzeuge, die Atombombe, das All, die Kultur, Moskau und Petersburg, Kirchen und Schlösser. Auf der Innenseite, für die Außenwelt unsichtbar, aber eng am Körper anliegend, sind Sklaverei, Pöbel, Kriminalität, Lüge, Tyrannei und die unvermeidliche Grausamkeit des russischen Lebens.

Etwas ist durcheinandergeraten

Wir haben uns daran gewöhnt und tragen ihn, der uns ständig juckt und kratzt; vereinzelte Patrioten sind sogar der Ansicht, dass das der Preis für unsere Größe sei, und sind heimlich stolz auf diese Ordnung des russischen Lebens: Unser Garten mag nicht gejätet sein, und unsere Notdurft verrichten wir im Freien, aber dafür haben wir das Ballett, die Literatur, eine rätselhafte Seele und ein riesiges Imperium.

Russland hat sich der Welt so präsentiert, wie es wirklich ist.

Aber jetzt ist etwas durcheinandergeraten: Russland hat sich «entblößt», den Soldatenmantel umgekrempelt und seine ganze innere Schäbigkeit in Form der «Invasionsarmee» enthüllt. Es hat der ganzen Welt die sinnlose russische Wut, die finstere Barbarei, seine Verbrechermentalität, Grausamkeit, Gewalt und die Verachtung gegenüber der menschlichen Würde und dem menschlichen Leben präsentiert, sowohl dem der Ukrainer als auch dem der eigenen Soldaten.

All die nationalen Merkmale, mit denen wir gelernt haben zu leben, sind plötzlich sichtbar geworden: Die ungeflickten Löcher, die Schwachstellen, schiefen Nähte, der halb verrottete Stoff des russischen Soldatenmantels sind ans Tageslicht getreten, und das ist nicht mehr eine Katastrophe für die Reputation, sondern für die Zivilisation. Sie zerstört die Macht der Inszenierung, auf der Russland die letzten paar Jahrhunderte gegründet war: Die äußere Form des Landes, die sich in diesem obszönen Krieg offenbart hat, entspricht nun seinem Inhalt – Russland hat sich der Welt so präsentiert, wie es wirklich ist.

Man kann schockiert sein angesichts des abgrundtiefen Bösen, das sich in Butscha und Mariupol aufgetan hat, aber man sollte sich nicht darüber wundern: Ganz Russland ist unser Butscha.

Sergei Medwedew, geboren 1966, ist ein russischer Politikwissenschafter, Historiker und Journalist. Er war Professor an der Higher School of Economics in Moskau. Für seinen Essayband «The Return of the Russian Leviathan» erhielt er 2020 den Pushkin House Book Prize für das beste englischsprachige Buch über Russland. Sein Artikel erschien zuerst auf der Website «Holod». Er ist übernommen von «Dekoder». – Aus dem Russischen von Jennie Seitz.

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Pokrowsk. Am Wochenende ruft der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij die Ukrainer auf, die Region um Donetzk zu verlassen. Manche folgen dem Aufruf, wie dieses Mädchen, das aus einem Zug winkt, der es weiter in den Westen des Landes bringen wird.