KOPFSTAND

 

The village VOICE, New York, May, 11, 1982 by Carrie Rickey

Ernst Josef Lauscher directorial debut with Headstand is a powerful portrait of a rebellious son, victim of tbe collusion between bis affronted mother and the police. They consign him to a psychiatric hospital where electroehock treatment jolts him out of  his rebel past, leaves him without memory, but doesn't resolve his angst. Head­stand epitomizes tbe adversary relation-ship between the young Viennese and corrupt authority figures, a chasm that Lauscher brilliantly depicts and finally bridges.


IL T E M P O

14. November 1981

Der österreichische Film bei der Viennale 1981 - ENTSTEHT MIT DEN JUNGEN -

Gespräch mit Ernst Josef Lauscher, Regisseur von "Kopfstand", Auszug -

...Jetzt befinden wir uns vielleicht am Vorabend eines historischen Zeitpunktes. Mit Zeichen die hie und da gerade bei der Viennale 81 - man spricht sogar von einem möglichen "Manifest" des österreichischen Filmes - sichtbar werden bei den Jungen, die endlich in die erste Reihe treten und mit einem Engagement, daß sich nicht nur in Worten ausdrückt. Das zeigt der 35-jährige Autor mit einem aufsehenerregenden Beispiel: "KOPFSTAND", hier mit großem Erfolg gezeigt und dazu bestimmt, mit aller Wahrscheinlichkeit ein Bezugspunkt zu werden für den österreichischen Film von Morgen. Nicht nur wegen des Themas (Ausgangspunkt ist die wahre Geschichte eines Jungen, der zuerst in einer Nervenheilanstalt endet und dann, um sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren in den Dienst einer älteren alleinstehenden Frau tritt, an die er sich in zärtlicher Zuneigung bindet und die zuletzt stirbt) sondern auch wegen der Art der Darstellung, wegen des neuen Stils - zwischen Lyrik und Chronik - und einer völlig neuen Frische im Panorama dieses Landes."Seit langem" sagt Lauscher,"hatte ich eine solche Idee für einen Film. Dann, kann man sagen, ist mir die Geschichte entgegen gekommen, ich hab sie im Leben gefunden."

Frage: Und mit welchen Vorsätzen des Stils, des Inhalts hast du sie entwickelt? Lauscher: Indem ich in der Erzählung zwei grundsätzliche Dinge beachtete: Die Erfahrung des Helden in der psychiatrischen Klinik und die Begegnung mit einer unbekannten und einsamen Frau. Zuerst wollte ich die zerstörende Wirkung des Gesellschaft zeigen. Ein psychiatrische Klinik hat katastrophale Wirkung für jene die hinkommen und so behandelt werden. Elektroschocks - eine Methode, keine Therapie. Und das zweite: der Held, Markus, fühlt sich frei, wie ein Vogel, der zuerst in einem Käfig war und jetzt diese Frau sucht, die sozusagen den Zyklus seiner Existenz vorerst beschlossen hat. Er tut es, um sich zu verwirklichen, um aus dem Gefängnis der Einsamkeit herauszukommen. Aber zum Schluß wird er wieder allein sein.

Frage: Deine Vorbilder ?

Lauscher: Keine Vorbilder, nur Regisseure als prinzipielle Bezugspunkte: Rosi, Fellini, einige Amerikaner, Tarkowsky, vor allem mit seinem Andrej Rublov. Im wesentlichen, um zwei Seelen, zwei Tendenzen darzustellen, eine, die mit der Aktualität, mit der Chronik verbunden ist, die andere mit der Phantasie, mit der Allegorie.

Frage: "Kopfstand" ist Schwarz/Weiß gedreht, war das eine künstlerische Wahl oder durch andere Motive bestimmt ?

Lauscher: Es ist eine sehr bestimmte Wahl, die mit dem Thema des Filmes zusammenhängt, welches eine sehr große Konzentration auf die Personen erfordert. Farbe hätte ablenkende Wirkung gehabt, außer man hätte sie wie Antonioni angewendet, indem man Nuancen und Variationen an die einzel-nen Momente der Erzählung anpaßt. Aber da der heutige Film fast zur Gänze in Farbe gedreht ist, kann man mit Schwarz/Weiß besser als in der Vergangenheit arbeiten.

Frage: Wie bist du zum Film gekommen ?

Lauscher: Das ist eine romantische Geschichte. 1968 habe ich mich in Wien in ein Mädchen verliebt, deren Mutter Tschechin ist. Ich hatte keine Arbeit und folgte diesem Mädchen nach Prag, wo sie als Schnittassistentin in einem Studio arbeitete. So bin ich auch zum Film gekommen, fast zufällig, aber ich habe sofort verstanden, das das mein Weg ist. Heute schneidet sie meine Filme.…

Claudio Trionfera


 

Ruhe im Karton

tip 1/83

Der Film „Kopfstand" des öster­reichischen Regisseurs Ernst Josef Lauscher erzählt die Geschichte von Markus (Christoph Waltz), der unbe­quem ist und daraufhin in die Klaps-mühle abgeschoben wird. Das schwarz/weiße Werk erinnert an die Anfänge der französischen „Neue Welle" Anfang der sechziger Jahre. Von Hans-Ulrich Pönack

In einer Spielhalle: Ein Junge interes­siert sich für ein Mädchen, die dort als Kassiererin arbeitet; er hat Hem­mungen, sie anzusprechen und wartet abends nach Feierabend vor der Tür, um sie nach Hause zu bringen. Sie ist der aktivere Teil, hat Interesse an dem Jungen, und man verabredet sich für den nächsten Tag. Zu Hause bei Mar­kus. Die Mutter nörgelt herum. „An­ständige Menschen liegen um die Zeit im Bett". Man fängt an zu streiten. „Im Haus reden's schon über uns", argumentiert Frau Dorn. Und: „Schau dich doch mal an, wie du daher­kommst. Als wenn du irgendwo ent­sprungen wärst". „Freilich", stichelt Markus zurück. Dann beschuldigt sie ihn, Rauschgift zu nehmen. So einer wie er - das liegt doch auf der Hand, das sieht doch jeder. Markus wird sau­er, bockig. „Du spinnst ja total". Und „räumt" dann den Tisch ab. Es kommt zu einem kleinen Handgemenge. „Der ist ja verrückt", äußert sich der hinzu­kommende Freund der Mutter, der auch in der kleinen Behausung wohnt. Schnitt. Markus liegt im Bett. Die Po­lizei kommt. Die Mutter hat tatsäch­lich die Polizei geholt. Ihrem Freund, Herrn Hubert, scheint das gar nicht so unlieb, da die Wohnung für drei ohne­hin zu eng ist. Vernehmung bei der Obrigkeit. Es hat überhaupt keinen Sinn, daß du bockig wirst, wenn du es dir bequem machen willst. Je schnel­ler dir was einfällt, um so schneller kannst du wieder gehen, versucht man ihn zu locken. Der Beamte will Na­men. Woher das Rauschgift stammt? Wer sonst noch daran beteiligt ist? „Freundliches Ent-gegenkommen" wür­de man schon honorieren, wird Staatlicherseits signalisiert. „Ich weiß gar nicht, was Sie von mir wollen", klingt es trotzig zurück. Markus versucht klarzumachen, daß das mit dem Rausch­gift nur so eine fixe Idee von der Mutter war. Natürlich glauben sie ihm nicht. Tätlicher Angriff gegen die Mutter, Einschränken der persönlichen Freiheit, das ist Gemeingefährlichkeit, stellt schließlich der Oberpolizist amtsmäßig fest. Aber bitte - „sobald du uns ein paar Namen sagst, kriegst du eine Chan­ce", wird noch einmal gut zugeredet. Markus lapidar: „Der eine heißt John Lennon".

Überführung in eine Klinik, genauer: in eine psychiatrische Anstalt, die Klapsmühle. Schwarz-weiße lange Gän­ge mit kahlen weißen Wänden, Git­tern an den hohen Fenstern und des­interessiertem, mißmutigem Personal. Ab und an Schreie hinter den geschlos­senen Türen. Alles hier ist düster und de­primierend. Wer hier reinkommt und noch nicht ganz fertig ist, hier wird er's bestimmt. Wenn einer aufmuckt, kommt sofort der Chefarzt mit der Spritze. Und schon ist die Ruhe wie­der hergestellt.

Der Junge freundet sich mit zwei Bettnachbarn an. Die sind hier, weil sie draußen nicht mehr zurechtka­men, sich wundgescheuert haben am Alltag. Und dann ist da noch Karl, der Alte. „Ich bin zu alt für draußen." Der hat längst aufgegeben. Mit dem hat niemand Schwierigkeiten mehr. „De­pressionen?", fragt der Oberheiler bei der Visite. Die hat doch jeder, Sie nicht, gibt Markus von sich. Für Dr. Melzer steht damit fest - der ist gemeinge­fährlich, schizophren. Vor so einem muß die Welt beschützt werden. „Ich will nach Hause, mir fehlt nichts", for­dert der Junge nochmals nachdrück­lich. Den Ton kannst du dir hier gleich abschminken, tönt es hilfreich retour. Und der Pfleger ergänzt höflich: „Du Arschloch, ich mach aus dir eine Num­mer, damit wir schauen, daß aus dir wieder ein Mensch wird."

Markus wird mit Elektroschocks be­handelt. Drähte und Eisenmetallstäbe werden fest am Kopf angebracht, und ab geht der freundliche Strom durch den Körper. Und Markus hüpft vor Freude über soviel Volt im Bett auf und ab. Die Mutter kommt zu Besuch. Um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen, hat sie sich eingeredet, dies hier sei so etwas wie ein Fitness-Center für die Konditionierung zu anständiger Bürger­lichkeit. So was wie Bundeswehr, wenn man gesund ist. Und der Arzt-Oberst gibt ihr sogleich recht. Markus sei nach wie vor renitent, störe den normalen Behandlungsablauf, im übrigen auch schon bei anderen Patienten: „Wir müssen ihn ruhigstellen. Schon in sei­nem eigenen Interesse." Darüber hin­aus werde sich in den nächsten Tagen auch eine Gerichtskommission mit ihm befassen.

Markus haut ab. Ein Freund hilft mit etwas Geld weiter, bei dem Mädchen aus der Spielhalle kommt er für eine Nacht unter, dann sorgt ihr Freund am nächsten Morgen dafür, daß sie den Jungen wieder kriegen. (An dieser Stelle etwas zum Schauspieler Christoph Waltz: Eine wunderbare Entdeckung. Mit sparsamen Gesten und wenigen Worten versteht er es, sich mit diesem Jungen, dieser Un-Person, zu identifi­zieren. Man hat nie Zweifel, daß sich hier der „wirkliche" Markus Dorn zeigt. Man muß manchmal an den jungen Jean-Pierre Leaud aus den frühen Truffault-Filmen denken.) Dennoch schafft er es, nochmal abzuhauen. Diesmal gelangt er sogar bis zur Mutter. Er bittet um Hilfe, Beistand, Verständ­nis, aber sie macht sich Sorgen um die Gedanken der Nachbarn. Zudem hat Freund Hubert auch noch ein Wört­chen mitzureden. Paranoia, lautet nun­mehr die Diagnose, nachdem der Jun­ge in die Anstalt zurückgebracht wurde. Wo sich eine neue Ärztin für ihn interes­siert. Sie macht ihm klar, daß er ent­mündigt wurde: „Du bist rechtlich jetzt einem Kind von sechs Jahren gleichgestellt." Frau Dr. Rene aber läßt es damit nicht auf sich beruhen. Sie kümmert sich eingehend um die me­dizinische wie private Geschichte von Markus Dorn. Sie spricht viel mit ihm, und sie nimmt auch Kontakt mit der Mutter auf. Daß der Junge dann tatsäch­lich rauskommt, ist vor allem ihr zu verdanken.

Happy End? Friede, Freude, Eier­kuchen? Die weiterhin schlichten, stren­gen Schwarz-weiß-Bilder weisen diese Vermutung sofort von sich, Regisseur Lauscher bleibt hart an seinem Film. Fügt ihm eine weitere Handlungsstränge zu. Denn für Dr. Rene war es nicht nur wichtig, den Jungen wieder für den „normalen" Alltag herauszubekommen, sie hilft ihm im Hintergrund auch wei­ter. Weil der Junge Hilfe braucht. Er ist kräftemäßig am Ende, bricht oft­mals zusammen, ist im Augenblick zu keiner geregelten Arbeit mehr fähig. Schon gar nicht in seiner Lehre als Friseur. Die Ärztin vermittelt ihm die Begegnung mit einer älteren Frau, die irgendwo außerhalb alleine in einem großen Haus wohnt. „Ich brauche nichts mehr", wehrt die sich anfangs. Um dann doch ein bißchen zufrieden zu sein, daß sie endlich einmal mit jemandem reden kann. Und manch­mal sogar auch lachen: „Merkwürdi­ges Gefühl; als wenn man es wieder lernen müßte." Der Regisseur und Autor Ernst Josef Lauscher: „Daß er schließ­lich auf Menschen trifft, sich ihn fast zum Ziel nimmt, der alt und einsam ist, ist kein Zufall. Denn wie kaum an­derswo haben wir auch unsere Alten ver­stört, weggeschoben, verdrängt. Mehr als irgendeine andere Beziehung gibt Mar­kus' Freundschaft mit der alten Dame ihm den Mut zurück, den er fast verlo­ren hatte."

Es ist kein Zufall, daß einem lau­fend die Anfänge der französischen „Neuen Welle" Anfang der Sechziger in Erinnerung kommen. „Kopfstand" hat etwas mit Godard, Truffault, Rohmer von damals zu tun. Das karge, freudlo­se Schwarz-weiß, die kurzen, knappen Dialoge, die Sprache der Blicke, der Be­wegungen, der Mimik, die interessan­ten, neuen, unbekannten Gesichter der Beteiligten — das ist Kino, das wieder Hoffnung macht. Weil es von Menschen erzählt und nicht von Dingen. Weil es zugleich spannend ist und betroffen macht.

Der 35jährige Wiener Filmemacher Ernst Josef Lauscher zu seiner ersten Spielfilmarbeit: „Man kann sehr vieles über eine Gesellschaft erfahren, wenn man sieht, wie sie mit ihren Kranken, mit ihren Gestörten, mit ihren Außen­seitern umgeht. Die beste Lösung in ihrem Sinne scheint zu sein, das Pro­blem zu verdrängen, die Betroffenen wegzusperren, weg aus dem Blick­punkt einer breiteren Öffentlichkeit, die auch zu bequem geworden ist zu akzeptieren, daß Krankheit, Verrückt­heit, Außenseitertum zu ihr gehören. Teil ihres Gefüges, ihres Zustandes, ih­rer Verdrängung, Teil des Prozesses ihrer Entwicklung oder Stagnation sind. Schlimm ist doch, wenn ein Unschuldi­ger eingesperrt wird. Schlimmer ist noch, wenn einer, der normal ist, für verrückt erklärt wird. Aber was ist Normalität, was Verrücktheit?"

Hans-Ulrich Pönack


 

Süddeutsche Zeitung

Mittwoch, 4. Mai 1983

Weg mit Schaden

Der österreichische Psychiatrie-Film „Kopfstand*

Wer nicht anständig ist, der gehört in die An­stalt. Also alarmiert die hilflos empörte Mutter die Polizei" und laßt den unbotmäßigen Sohn, der nächtens Aufruhr und Lärm in die Eßküche ge­tragen hat, abtransportieren. Der Hausfreund sieht es mit Wohlgefallen, und den Beamten ist wie allen Beteiligten klar, daß, wenn langhaarige Friseurlehrlinge lärmen, nur Drogen im Spiel sein können.

Dem Sohn Markus werden die Ärzte schon das Unnormale austreiben und in der Heilanstalt einen netten Bürger aus ihm machen, denkt sich die Mutter und ist dann beim ersten Besuch doch ein wenig entsetzt, wie ihr Markus unter ruhig­gestellten Patienten dahinvegetiert. Doch da ist es schon zu spät. Das Krankheitsbild des Sohnes haben die Ärzte bereits diagnostiziert; schlampig, routine-mäßig und uninteressiert haben sie aus pubertärem Aufbegehren einen Fall konstruiert und die tägliche Ration aus Pillen und Elektro­schocks festgesetzt.

„Wie einer zufällig mit dem Leben davonkam" haben der 35jährige Regisseur Ernst Josef Lauscher und sein Produzent und Ideenlieferant Götz Hagmüller ihren schwarz-weißen Kinofilm Kopfstand im Untertitel genannt. Und schwarz­weiß sind nicht nur die ausgefeilten Bilder (Kamera: Toni Peschke), sondern auch die Ge­schichte. Da gibt es zunächst nur bornierte Medi­ziner, spießige Bürger und Unverständnis auf allen Seiten. Und auch wenn man weiß, daß 1981, als der Film entstand, Psychiatrie in Österreich durch eine Reihe ähnlicher Skandale zum Reiz­wort geworden war, es scheint alles ein wenig zu dick aufgetragen. Doch haben Hagmüller und Lauscher, die ursprünglich eine Dokumentation zum Thema drehen wollten, lange und sorgfältig recheriert Für die Spielfilmlösung entschieden sie sich, weil es ihnen unmöglich gemacht wurde, in psychiatrischen Anstalten, also dort, „wo das Schicksal eines Patienten entscheidend mit­bestimmt wird" (Lauscher), ihren Film zu drehen.

Ein Markus Dorn, der zufällig in eine Anstalt gerät, wie sie in Kopfstand sorgfältig und mit ruhiger Empörung gezeigt wird, wäre schon zu­viel. Und es gibt mehr als einen. „Man kann sehr vieles über eine Gesellschaft erfahren, wenn man sieht, wie sie mit ihren Kranken, mit ihren Ge­störten, mit ihren Außenseitern umgeht", sagt Regisseur Lauscher. Nun ist das alles nicht neu, und bei einem engagierten Spezial-Publikum in den Programm-Kinos gehören Filme zum Thema Psychiatrie seit längerem zu den heimlichen Hits.

Kopfstand ist zum Glück aber nicht nur ein engagierter Film, sondern auch ein sehr schöner und menschlicher, der in dunkelgrauen Bildern, dunkelgrau wie der Alltag der Anstalt, erzählt, wie sich einer trotzig widersetzt und dann doch noch überlebt. Eine neue, junge Ärztin erkennt, daß Markus zu Unrecht und falsch behandelt wird und erreicht schließlich, daß Markus ent­lassen wird.

Wieder draußen, kann der sich freilich kaum noch zurechtfinden. Sein Leben bekommt erst wieder einen neuen Impuls, als ihn das Sozialamt mit einer anderen Außenseiterin zusammen­bringt Lydia, eine einsame, alte ehemalige Schriftstellerin, nimmt ihn bei sich auf. Vor ihrem baldigen Tod gelingt es den beiden Schwachen noch, sich gegenseitig aufzurichten. In dieser zweiten Spielhälfte schaffen Regisseur Lauscher und seine beiden Darsteller Christoph Waltz als Markus und Elisabeth Epp als Lydia anrührende Szenen der Solidarität. Daß Markus auf Lydia trifft, sagt Lauscher, „ist kein Zufall. Denn wie kaum anderswo haben wir auch unsere Alten verstört, weggeschoben, verdrängt."

Kopfstand ist ein Film, aus dem man mit neuem Mut herauskommt. (In München im Theatiner.)

BODO FRÜNDT


 

PROFIL Wien 1.2.1982

Ernst Josef Lauschers „Kopfstand"

Zufällig überlebt

In seinem bemerkenswerten Kinodebüt „Kopfstand" schildert der Wiener Ernst Josef Lauscher, wie jemand in der Psychiatrie landet und trotzdem davonkommt.

Spätnachts kommt der Junge nach Hause. Er holt sich Essen aus dem Eiskasten und trommelt spontan mit Messer und Gabel auf Teller, Bierflasche und Tischplatte. Der Lärm treibt seine Mutter ins Wohnzimmer. Sie verdächtigt ihn, Rauschgift genommen zu haben; plärrt ihn an; und ihr kurzer Wortwechsel endet in einer Prügelei.

Wenig später hockt der Friseur Markus Dorn in einer Wachstube. Er wird von zwei Polizisten verhört, bei einem Aus­reißversuch zusammengedroschen und noch in derselben Nacht in die Psychiatrie eingeliefert.

Markus Dorn ist kein Einzelfall, son­dern nur einer von vielen, die heute immer noch ohne besonderen Grund in psychia­trischen Anstalten landen. Sein Schicksal - ergänzt durch die Erlebnisse anderer Psychiatrieopfer - hat der Wiener Regis­seur Ernst Josef Lauscher, 35, in seinem ersten Kinofilm „Kopfstand" nachvollzo­gen. Traurig-sarkastischer Untertitel des bemerkenswerten Debüts: „Wie einer zufällig mit dem Leben davonkam."

Der Film, mit sparsamstem Budget in effektvollem Schwarzweiß gedreht, zeigt chronologisch einen medizinischen Ka­puttmacheversuch. Denn die Filmfigur Dorn (den Namen des wirklichen Opfers will Lauscher begreiflicherweise nicht preisgeben) ist weder drogensüchtig noch geisteskrank, sondern bloß mit seinem Dasein unzufrieden. Die äußeren Ursa­chen: Das Mädchen an der Wechselkassa in der Prater-Spielhalle, das ihm gefällt, hat schon einen Freund. Und zu Hause macht sich der faschistoide Liebhaber seiner Mutter breit, der Markus (Chri­stoph Waltz) längst als Störenfried abge­stempelt hat.

Dieser Exposition in knappen, dunklen Einstellungen, die in der an sich lächerli­chen Auseinan-dersetzung mit der Mutter und Markus' Einweisung eskaliert, folgt Lauschers eigentliche Geschichte. Denn kaum hat der Junge seine Jeans und seine schwarze Lederjacke mit der gestreiften Anstaltsuniform vertauscht, ist er der weißgetünchten, sterilen Unmenschlich­keit der Klinik ausgeliefert. Dort muß er zusehen, wie Kranke ohne viel Aufhebens niedergespritzt werden. Er erlebt, wie ein skrupelloser Oberarzt (der verdächtig an einen bekannten Wiener Psychiater erin­nert) gar nicht mit sich reden läßt. Und erfährt die Behandlungsmethoden am

eigenen Leib: Weil sich Markus beharrlich weigert, seine Pillen zu schlucken, kommt er unter die Elektroden.

Trotz dieser brutalen, veralteten Thera­pieformen, mit denen Lauscher radikal abrechnet, bleibt in seinem kühlen, grellen Klinikambiente menschliche Wärme nicht auf der Strecke. Da ist Karl (Alfred Solm), ein alter Mann, der sich für das Leben draußen mittlerweile zu unsicher fühlt. Und da freundet sich Markus auch mit Stunk (Pavel Landovsky), einem an Liebeskummer leidenden Ausländer, an. Gemeinsam mit ihm darf er in einer der schönsten Szenen des Films eine Holzhüt­te im winterlichen Anstaltsgarten strei­chen - Markus wie ein Profi, Stunk versponnen-verträumt.

Dieser starke Kontrast zwischen Menschlichkeit und Repression, zwischen Verständnis für Außenseiter und ihrer Entwürdigung ist ein Hauptthema von Lauschers dicht inszeniertem Erstlingsfilm. Denn so sehr sich Markus auch wünscht, draußen akzeptiert zu werden, schlägt dies fehl. Sein erster Fluchtversuch endet am nächsten Morgen, weil ihn der Freund des Spielhallenmädchens der Polizei auslie­fert. Und beim zweitenmal läßt ihn der Lebensgefährte seiner Mutter zurück in die Anstalt bringen.

Doch auch nach seiner Entlassung durch eine verständnisvolle junge Ärztin sind Markus' Probleme nicht gelöst. Wie die meisten Psychiatrieopfer hat er es schwer, sich in der wiedergewonnenen Freiheit zurechtzufinden. Als Spätfolge der Zwangstherapie sackt der Junge immer wieder zusammen und kann keiner gere­gelten Arbeit nachgehen. Bis ihm die Fürsorge einen passenden Job vermittelt: Er soll sich um eine völlig vereinsamte alte Dame (Elisabeth Epp) kümmern.

Genau ab dieser Begegnung, die Mar­kus zunehmend ins Leben zurückholt, vermengt Lauscher geschickt Realismus mit filmischer Poesie. Das kurze Zusam­mentreffen des Jungen mit der Alten, die nicht mehr lange zu leben hat, ist wie ein Kammerspiel in Zartbitter inszeniert. Und wird getragen von dem ungemein intensi­ven Spiel der beiden Hauptdarsteller.

Diese Szenen, im Tempo ganz bewußt viel langsamer und zärtlicher als die knallharten, knappen Psychiatriesequen­zen, vermitteln auch die Hauptbotschaft dieses Films. Denn dort reagieren zwei Außenseiter unserer Gesellschaft trotz ihrer Sorgen und unterschiedlicher Vor­stellungen aufeinander so, wie es Ärzte eigentlich Patienten gegenüber sollten. Nicht von ungefähr hat der Regisseur seinen Film dem Vorkämpfer für freie Psychiatrie, dem inzwischen verstorbenen Italiener Franco Basaglia, gewidmet.

KARL KHELY


 

neue filme

Stern 4. Nov. 1982

Horror im Hospital

„Kopfstand". Ursprünglich sollte der Film „Krank II - Gei­steskrank" heißen und eine Do­kumentation über die Zustände in psychiatrischen Anstalten - volkstümlich: Irrenhäusern - werden. Aber weil Ärzte und Pfleger fürchteten, ihre Be­handlungsmethoden könnten als unmenschlich empfunden werden, und weil ehemalige Pa­tienten Angst davor haben, durch öffentliche Kritik wieder als krank eingestuft und des­halb eingesperrt zu werden, scheiterte das Projekt.

Auf der Grundlage des zu­sammengetragenen Materials hat der 35jährige österreichi­sche Regisseur Ernst Josef Lau­scher daraufhin einen Spielfilm gedreht, ein düster-trauriges Stück, in dem Erfahr-ungen, Le­bensgefühl und Hoffnungen vieler Jugendlicher am Beispiel eines vermeintlich Kranken sichtbar und nachfühlbar ge­macht werden.

Da ist die schmerzhafte Sprachlosigkeit zwischen El­tern- und Kindergeneration. Der Friseurlehrling Markus lei­det unter der lieblosen Enge seines Zuhauses. Seine Mutter, die nur auf die Nachbarn und ihren spießbürgerlich-brutalen Freund Rücksicht nimmt, fin­det keinen Zugang zu ihm. Nach einer Auseinanderset­zung glaubt sie sich nicht mehr anders helfen zu können, als den Sohn von der Polizei ins Ir­renhaus bringen zu lassen. Dort soll er von seiner unverständli­chen und als krank empfunde­nen Aufsässigkeit geheilt wer­den.

Den Eingriff der Macht, der staatlichen Institution, erlebt Markus als Versuch, seine Per­sönlichkeit zu brechen, als Ver­gewaltigung, der er hilflos aus­geliefert ist. Er wird mit Elek­troschocks behandelt und mit Psychopharmaka vollgepumpt. Alles steht auf dem Kopf. Weil er erklärt, gesund zu sein, gilt er, als krank. Je mehr er sich gegen die Behandlung wehrt, desto geringer sind seine Chancen, die Anstalt jemals wieder zu verlassen.

Daß er schließlich nach eini­gen Monaten doch freikommt, verdankt er einem Zufall: Eine Ärztin, die an das Krankenhaus versetzt wird, erkennt, daß er zu Unrecht eingeliefert worden ist.

Schwer geschädigt wird er entlassen. Mit der Freiheit kommt er jetzt nicht mehr zu­recht. Erst als er auf eine vereinsamte alte Frau trifft, der er hilft, ins Leben zurückzukeh­ren, findet er allmählich zu sich selbst zurück. „Merkwürdiges Gefühl, wieder zu lachen", sagt da der eine seelische Krüppel zum anderen, „als wenn man's wieder lernen müßte."

Generationenkonflikt, Per­sönlichkeitsbedrohung durch eine übermächtige Institution, Selbsthilfe der Außenseiter als letzte Rettung das wären drei verschiedene Geschichten für drei verschiedene Filme. Ein­zeln wären sie auch stärker. Aber da von jedem etwas im

Gedächtnis bleibt - vom ersten die Verzweiflung, vom zweiten der Zorn und vom dritten die Hoffnung -, ist die Wirkung noch immer durchschlagend genug.

Hagen Rudolph


 

AUF DIE LEINWAND:'

„Kopfstand"

Mit seinem ersten Spielfilm ist dem österreichischen Regisseur einiger Kurzfilme und Fernseh-spiele, Ernst Josef Lauscher, ein bemerkenswertes Kinodebüt gelungen. Denn mit seiner Geschichte eines auf Grund einer Fehldiagnose in der psychiatrischen Anstalt festgehaltenen Jugendlichen hat er mit eindringlich-subtiler Regie einen authentischen Fall. äußerst filmwirksam geschildert. Weit entfernt von jeglichen, spekulativ auf Schock-Wirkungen setzenden Methoden anderer Psychiatrie-filme wie etwa, „Einer flog über das Kuckucksnest", verläßt sich Lauscher eher auf die leisen Töne, auf langsames Tempo und, überraschend sicher: gehandhabt; auf die effektvolle Düsternis seines Schwarz- Weiß-Materials.

Hat der Zuschauer die etwas knapp geratene Begründung für die die Einweisung akzeptiert, in der das Verhalten der Mutter nach kurzer nächtlicher Auseinandersetzung mit dem Sohn gleich die Polizei zu holen, kaum motiviert erscheint, wird er sich: bereitwillig auf das eigentliche Thema des Films einlassen. Es ist das unmenschliche Klinikleben, dessen Tage dahinzuschleichen scheinen, ohne Abwechslung, ohne Höhepunkte, sondern in der ständigen Bedrohung, verbracht, für auffäl-liges Verhallten in der Anwendung grausamer, konservativer Therapiemethoden mit Medikamenten und Elektroschocks gedämpft zu werden. Aus dem impulsiven, völlig gesunden Jungen wird mit der Zeit ein stiller, apathischer Patient, der in Schlafanzug und Bademantel durch die Anstaltsgänge schlurft oder teilnahmslos in irgendeiner Ecke kauert. Trotzdem, gelingen ihm zwei Fluchtversuche! doch beide Male wird er in die Anstalt zurückgebracht. Der Junge, inzwischen sogar entmündigt, verdämmert sein Lehen weiterhin in der Anstalt. Nur in den Kontakten zu einigen Mitpatienten flackert manchmal so etwas von liebevoller Fürsorglichkeit auf, einer Eigenschaft, die er erst später voll ausleben kann. Denn endlich gelingt es einer jungen Ärztin, seine Entlassung zu erwirken.

Doch leicht ist das Leben nach solchen Erlebnissen nicht wieder in den Griff zu bekommen. Die »normale" Welt, das turbulente, laute Wien, dringt aggressiv, und fordernd auf ihn ein; aber , mit Arbeitseifer und frischem Zupacken allein ist es nicht getan. Der Junge bricht immer wieder zusammen, ist noch nicht arbeitsfähig. Erst die sich ungemein sensibel entwickelnde Begegnung mit einer alten, vereinsamten Schriftstellerin bringt ihn wirklich ins Leben zurück.

Es ist erschütternd zu sehen, wie die beiden Hilflosen, Draußenstehenden", durch gegenseitiges Vertrauen und Sympathie wieder sicher, selbstbewußt und lebensmutig werden. Auch wenn hier, mit diesem' letzten Teil des Films scheinbar ein ganz neues Thema angeschlagen wird, das der sozialen Verantwortung für Alte und Hilfsbedürftige, ergibt sich gerade durch diese Ergänzung der sanften Szenen zur Härte der vorhergehenden ein überzeugend abgerundetes Bild unserer ge­sellschaftlichen Situation. (Filmkunst 66)

Carla Rhod


 

KURIER Wien

FREITAG, 5. FEBRUAR 1982

Pessimistische Elegie, optimistisches Ende

„KOPFSTAND." Österreich. Von Ernst Josef Lauscher. Mit Christoph Waltz, Elisabeth Epp, Pavel Landovsky, Heinz Petters (FLOTTEN-, KOLOSSEUM-CENTER).****

Nach einem wahren Fall schildert Ernst Josef Lauschers erster Spielfilm die verheerenden Folgen eines Genera­tionskonflikts. Wenn Erziehen für hilf­lose Eltern heißt, jungem Aufbegehren brutales Niederschmettern entgegenzu­setzen. Und sich gewissenlose Psychia­trie die Fälle (zurecht)macht, die sie zu brauchen meint: Psychiatrie also als Strafvollzug an Unschuldigen.

Das Schicksal eines Burschen, den eine Verkettung unseliger Umstände und unmensch-licher Zustände fast in echten Wahnsinn oder zu Tode hetzt, gestaltete der 34jährige Wiener Lau­scher zu einem weiteren Meilenstein in der jungen Geschichte des neuen öster­reichischen Films. Nur durch Zufall indem der Filmemacher Götz Hagmüller dem Kollegen seine Subventionsgelder uneigennützig überließ - konnte eine der eindringlich-sten, außerge­wöhnlichsten und wertvollsten Filmproduktionen der letzten Jahre hierzu­lande überhaupt erst entstehen.

Obwohl mit billigem Schwarzweiß­material gedreht, muß diese pessimisti­sche Elegie mit optimistischem Schluß­punkt der Farbe nicht entbehren: Wut­rot, Depressionsblau, trag-isches Violett und schließlich Hoffnungsblau malen die melodramatischen Stimmungs-bilder einer die Ereignisse hartnäckig verfol­genden Kamera. So hartnäckig, daß sich der Zuschauer oft selber betroffen meint.

Ein leiser, den Ablauf etwas stören­der Riß zwischen den tragenden Hand­lungsmauern: Die Chronik vom störri­schen Burschen, den eine tätliche Aus­einandersetzung mit dem Freund der Mutter auf der Wachstube und in der Folge in den zermalmenden Mühlen psychiatrischer Willkür landen läßt, hat ein poetisches Nachspiel. Als Helfer einer in totaler Einsamkeit verunglückten, seelenkranken alten Frau baut er sich den verlorenen Lebehssinn und Le­bensmut wieder auf. Versöhnliche Pointe, daß einer im Helfen Selbsthilfe findet. Fast absichtslos, wie nebenbei, klagt Lauscher fragwürdige Irrenver­wahrung ebenso an wie eine ihre Ju­gend- und Altenprobleme an Medizin und Sozialarbeit verdrängende Gesell­schaft.

RUDOLF JOHN


 

ARBEITERZEITUNG Wien

Freitag, 5.2.1982

Kopfstand Schwarzweißfilm, Österreich, 102 Minuten. Regie: Ernst Josef Lauscher

Mit: Christoph Waltz, Ingrid Burkhard, Elisabeth Epp. Pavel Landovsky

(Flotten-Center)

Ein renitenter Ausbruch des jungen Markus daheim bringt ihn in den Verdacht, rauschgiftsüchtig zu sein. Einlieferung in die Psych­iatrie. Seine Unfähigkeit,, sich der Ordnung einer Anstalt zu unter­werfen, in der Menschen bloß ver­wahrt statt geheilt und Normale wie Anormale behandelt werden, veranlaßt ihn zu einem Flucht­versuch, doch wird er wieder zu­rückgebracht Erst das Aufschei­nen einer verständnisvollen Ärztin erleichtert ihm die Situation, führt schließlich zu seiner Entlassung.

Über die Vermittlung durch die Fürsorge darf er sich einer verein­samten alten Dame als Betreuer annehmen. Nach einmal überwun­denem ersten Mißtrauen bahnt sich eine rührende Freundschaft . zwischen den beiden so verschiedenaltrigen Menschen an, die aber beide sich von einer „Verwah-rungsgeselschaft" sozial verwahr­lost fühlten. Das zarte Bündnis trägt noch etwas Licht der Erin­nerungen in ein verlöschendes Le­ben - und öffnet Markus mit der Aufhebung der Entmündigung den Weg ins Leben. Lauschers Film, in der AZ wiederholt hervorgehoben, ist von einer schlichten Schönheit, die sich schwer analysieren läßt: Das trägt sich alles so schmucklos richtig vor, leuchtet die verschie-dentlichsten sozialen und psycho­logischen Probleme so an, wie sie sich stellen, ohne daß die Kamera einen artifiziellen Blickwinkel aussuchte. Und wunderschön, wie sich dabei auch aus dem Un­menschlichen und Allzumensch­lichen das rein Menschliche her­ausschält, das dann doch Brücken baut und nicht alles in Trostlosig­keit verenden läßt. Ein Film, der von innen leuch­tet.

Fritz Walden


 

ORF Wien, Pressedienst Fernsehen

Zur Sendung „KOPFSTAND“ Mittwoch 30. Jänner 1983, 22.30 FS2

Der "Große Preis der Jury" beim internationalen Festival des jungen Films in Hyeres/Frankreich, 1982, ein italienischer Schau­spielpreis für Pavel Landovsky, der in "Kopfstand" einen Patienten spielt, und das österreichische Prädikat "besonders wertvoll" waren die Auszeichnungen, die der auch von den Kritikern hochge­lobte Film erhielt. "Klare erzählerische Linien, ausgezeichnete schauspielerische Leistungen und großartige Schwarzweiß-Photographie", wußte auch die US-Zeitschrift "Variety" zu loben.


 


 

ZEITGENOSSEN

Das Britische Filminstitut, London, 1983 „...Michangelo Antonioni meets Black Edwars.“


 

GEGENSCHUSS - Kinozeit Nr. 11 4/83

Maradona in Unterpremstätten von Nikolaus Leytner

In der österreichischen Filmlandschaft sprießt und grünt es, allerorten zeitigt das cineast-ische Frühlingserwachen eine er­staunliche Flora — derweilen noch im Glas­haus der staatlichen Filmförderung. Doch noch während die mühsam gesäten Pflänzchen verhalten treiben und knospen, wirft man in besagtem Glashaus schon mit Stei­nen: Was sich die österreichische Kritiker­gilde im Zusammenhang mit den letzten heimischen Produktionen geleistet hat, ist geeignet, ihr vorerst einmal die Qualifika­tion zu einem ernstzunehmenden Kinofeuil­letonismus rundweg abzusprechen.

Als Beispiel sei ein Film zitiert, den ich für nichts weniger als einen der reifsten und in­ternationalsten Streifen halte, der je in Österreich produziert wurde: Ernst Josef Lauschers satirisch-nervöses, trauriges Neurotiker-Panorama „Zeitgenossen".

Wie bekannt, fand sich die heimische Kritik - fast ausnahmslos - in Unverständnis und Enttäuschung vereint. Wie bekannt, hielt sich der Film daraufhin kaum zwei Wo­chen in den Lichtspieltheatern. Kaputtkriti­siert. Was war passiert?

Lauscher drehte im Vorjahr - nahezu unbeachtet und im Schatten der hiesigen Größen wie Novotny oder Glück - mit selbst für alpenländische Verhältnisse läp­pischen 800.000 Schilling sein stilles und eindringliches Kinodebüt „Kopfstand". Und landete, gelinde gesagt, einen Sensa­tionserfolg: Die Journaille taumelte ge­schlossen von einer Lobtirade in die näch­ste, ein wahrer „Sternderlregen" ging auf die „Low Budget"-Produkton nieder. „Kopfstand" mobilisierte europaweit alle möglichen und unmöglichen Superlative und lief unter anderem, was keinem öster­reichischen Film in den letzten Jahrzehnten gelang, geschlagene 6 Wochen in Berlin.

„Kopfstand" ist nun ein Film, dessen Pro­blematik präzise abgegrenzt und in einem Satz wiederzugeben ist. „Kopfstand" ist ein Film, der von einem klassischen (Anti-)Helden, mit dem man mit dem man mitleben, sich identifizie­ren kann, getragen wird. „Kopfstand" ist ein Film mit einer starken, dramaturgisch geradlinig erzählten Story. „Kopfstand" ist - ohne damit seine Qualitäten schmälern zu wollen - unschwer einzuordnen, etiket­tierbar. Und das, so scheint´s, euphorisierte die Kritik. Weil, so wage ich zu unterstellen, es ihr leicht gemacht wurde.

Mit (ihren) „Zeitgenossen" konfrontiert, reagierte sie verstört, gleich einem kleinen Kind, dem man sein Spielzeug weggenom­men hat. Weil dieser Film so ganz anders ist, als „Kopfstand" und als erwartet: Lau­scher spürt darin den Großstadtvergiftun­gen von fünf recht unterschiedlichen Zeit­genossen nach - einen als solchen dekla­rierten Helden gibt es nicht. „Zeitge­nossen" wird verästelt, zersplittert erzählt - eine Geschichte im gängigen Sinn wird verweigert. „Zeitgenossen" entzieht sich auch allen ach so handsamen Kategorien - weder die Aufschriften „Komödie" noch „Problemfilm" wollen so recht passen. Wie das Leben so spielt.

Das haben die Herren Kollegen wohl nicht verkraftet: „Ja, darf er denn das über­haupt?" Er darf. Und es zählt zum erfreu­lichsten, daß er es auch kann. Denn was und wie Lauscher erzählt, hat ein Format, das den „großen Horizont" der heimischen Schreiberlinge offensichtlich übersteigt: seine „Zeitgenossen" sind ihrer Zeit um ei­niges voraus.

Daß die Fähigkeiten der hiesigen, in sich verschworenen Rezensentenclique im Mit­telalter zurückgeblieben sind, nötigt die österreichischen Filmautoren der Neu-Zeit - legen sie Wert darauf, weitermachen zu können - zum „Kinematographikus interruptus". Denn wie entscheidend eine fun­dierte nationale Filmkritik, die auf der Höhe ihrer eigenen Film-schaffenden ist, für ein filmfreundliches, fruchtbares Klima sein kann, zeigt wohl am an-schaulichsten das in­zwischen zur Zelluloid-Großmacht gereifte Frankreich, wo bekanntlich fachlich be­schlagene Filmjournalisten wie Truffaut, Godard, Rohmer oder Chabrol die legendä­re „Nouvelle Vague" initiierten.

Würde, angenommen, Fußballsuperstar Diego Maradona bei einem hiesigen Unter­ligaklub kicken, wäre sein hochdotieres Spielgenie wohl hoffnungslos verschwen­det: weil es seinen Mitspielern einfach am nötigen Verständnis für seine Spielideen mangelte. Der Longpaß ins Leere. Schade.

Nikolaus Leytner


 

tip 3/84 Berlin, Berichterstattung anlässlich der Berlinale

„Zeitgenossen“ Kinofilm, Österreich 1993, Regie: Ernst Josef Lauscher, Buch: Ernst Josef Lauscher und Peter Berecz. Produziert von Veit Heiduschka, WEGA Film, Wien

Ernst Josef Lauscher (Jahrgang 1947) ist ein Kämpfer, dem man anmerkt, daß es für ihn bei der Arbeit keine Kompromisse gibt, man spürt aber auch, daß er für das, was er bis jetzt geschaffen hat, enorme Kraft und Energie aufgewendet hat. Sein Erstling „Kopfstand" war eine Auseinander-setzung mit der Psychiatrie, sein neuer Film „Zeitgenossen" ist eine eigenwillige Komödie über ein paar Wiener in Wien. Ein Film, der mit einem besessenen Kraftakt hingeworfen wurde, als sei er der letzte oder einzig mögliche, ein Film, wie es ihn nicht jeden Tag geben kann. Anstatt einer Hauptperson sind es gleich fünf, anstatt einer Geschichte werden fünf oder - so man will - noch mehr erzählt. Und alles gerafft in den Zeitablauf eines Wochenendes und hochkarätig besetzt: Wolfram Berger, Gabriel Barylli („Der Schüler Gerber"), Evelyn Opela, Eva-Maria Meineke und Antonia Reininghaus. Doch Lauscher sagt: „Von einem Film in zwei Jahren kann ich nicht leben!". Trotzdem hängt er, wie alle Wiener, an Wien. „Ich bin nicht dagegen, nach Deutschland zu gehen, aber finde es sinnvoller, hier zu produzieren." Sein neues Projekt fand eben beim Österreichischen Filmförderungsfond seine Gnade, deswegen hofft er jetzt auf eine Co-Pro­duktion mit Deutschland.


 

STAHLNETZ


 

Der Tagestipp

ARD Stahlnetz - Innere Angelegenheiten, 20.15 Fast authentischer Krimi

Polizeiinterne Machtkämpfe als aufrüttelnder Krimistoff

Hallo Mama", begann der Brief, der die Parole vom Freund und Helfer, nirgends so strapa­ziert wie im weißblauen Muster­staat, nachhaltig beschädigte. Silvia, eine junge Polizeimeiste­rin, gerade mal 22, hatte ihn geschrieben, bevor sie sich 1998 mit der Dienstwaffe erschoss. „Ich habe keine Lust mehr, mich von denen quälen zu lassen." Der Fall beschäftigte die Münch­ner Gerichte. Silvias Vorgesetz­ter wurde verurteilt - wegen Be­leidigung, so die Begründung. Eine eklatante Verharmlosung für einen Tatbestand, der sich in einer Zielvorgabe des Reviers so ausnahm: Frauen sind aus der Schicht zu mobben.

Ein Einzelfall? Bei weitem nicht, wie Ernst Josef Lauscher, Ko-Autor und Regisseur der nun dritten „Stahlnetz'-Neuauflage weiß. Bei seinen Recherchen stieß er auf Dutzende von Akten­ordnern, alle des gleichen In­halts: Druck auf junge Polizistin­nen, ausgelöst durch Frauen­feindlichkeit, mit der unifor­mierte Platzhirsche ihre Bastion verteidigen. »Dabei werden die wenigsten Attacken ruchbar, da unbedingter Korpsgeist auch das ärgste Fehlverhalten vertu­schen lässt." Ein Dauerproblem, das Lauscher in bewährter „Stahlnetz'-Tradition hart an der Realität in einen so aufrüt­telnden wie atemlosen Krimi verpackt hat.

Christi Bronnenmeyer


 

ARD

Stahlnetz: Innere Angelegenheiten

Packender Polizeifilm über eine Wache, auf der man die Dienstvorschriften mis-sachtet

Obwohl Stefanie Stappenbeck 1999 den Deutschen (Nachwuchs-)Fernsehpreis ge-

wann, gehört sie zu den eher unbekann­ten TV-Gesichtern. Das ändert sich bestimmt durch ihre Hauptrolle in dieser „Stahlnetz"-Folge: Nach 18 Monaten Schule freut sich Kommissars-Anwärterin Sandra Bienek auf ihr Praktikum bei der Poli­zei - und auf ihre Kollegin Sabine, die sie auf der

Polizeischule kennen gelernt hatte. Geschockt muss Sandra hören, dass die junge Frau wegen ei­ner Krebserkrankung Selbstmord begangen hat. Doch Sandra kommt der Verdacht, dass ihre neu­en Kollegen an Sabines Tod mitschuldig sind...

Dtl.2001 L 90 Min. bis 21.45


 

Stern tv magazin vom 26, April 2001

ARD KRIMIREIHE - Stahlnetz: Innere Angelegenheiten

Mobbing - und Mord? - auf dem Polizeirevier 20.15;

Es sollte ein „großer Tag" werden, erzählt Kommissarsanwärterin Sandra Bienek (Stefanie Stappen­beck) aus dem Off: Nach langer Theoriephase auf der Polizeischu­le tritt die junge Frau ihr Prakti­kum bei der Hannoveraner Polizei an. Sie freut sich, auf das Gemein­schaftsgefühl, von dem ihr Vater immer schwärmt, und auf die be­freundete Kollegin Sabine, die sie am neuen Arbeitsplatz erwartet Als Sandra eintrifft, erfährt sie, dass Sabine sich gerade das Le­ben genommen hat. Angeblich, weil sie Krebs hatte. Auch mit dem Gemeinschaftsgefühl ist es nicht weit her. Wenn die alten Hasen traurige Scherze über das Blasen bei Verkehrskontrollen reißen, während ihr Schlips in der Pizza hängt, geht der Umgangs­ton schnell in Mobbing über. Sandra lässt sich nicht unterkrie­gen, doch als die Idealistin Kol­legen anzeigt, die bei einer Anti-

Nazi-Demo Demonstranten miss­handelt haben, verschärft sich die Situation erheblich. Dass die Protagonistin in alles persönlich involviert ist - ihr Freund ist mit den verprügelten Demonstranten befreundet und macht Schluss -, stört nicht wirk­lich. Die erste von zwei „Stahl­netz"-Produktionen, die in die­sem Jahr gesendet werden, zeigt sowohl, wie nervig das Personalien-Aufnehmen beim Verkehrs­unfall für Polizisten zwischen Dienstvorschrift und Doppel­schicht sein kann, als auch, wie nervig es dann für Bürger ist, mit diesen Polizisten zu tun zu ha­ben. Und sie erzählt beiläufig, wie das eine mit dem anderen zu­sammenhängt. Die Beiläufigkeit war die Hauptintention der Fil­memacher. Regisseur Ernst-Josef Lauscher, der mit Orkun Ertener auch das Buch schrieb, hatte sich vorgenommen, die äußere Span­nung nebensächlich zu behan­deln und unspektakulären Realismus in den Vordergrund zu stellen. Die Balance gelingt. Lau­scher erzählt, wie ihm im Lauf der Dreharbeiten sein Polizeibe­rater „abhanden gekommen" ist: Der Beamte, der gemäß altem doku-dramatischem „Stahlnetz"-Konzept für die Stimmigkeit der Details sorgen sollte, sei seit 30 Jahren Polizist gewesen und habe, fürchtet, sich von den Kollegen sagen lassen zu müssen, warum er sich diese Polizeidarstellung mit angesehen habe. Da habe er sie sich lieber nicht länger angesehen. Dass die Umstände von Sabines Tod am Ende aufgeklärt werden, ist denn auch eher dem Zufall der persönlichen Betrof­fenheit zu verdanken als dem un­vermeidlichen Siegen der Ge­rechtigkeit. Es ist ein ziemlich düsteres Bild der Polizei, das „Stahlnetz" da zeichnet. Auf dem Sendeplatz, auf dem sonst „Tat­ort"- und „Polizeiruf 1.10"-Kommissare leicht mit ganz anderen Schwierigkeiten fertig werden, fällt es angenehm aus dem Rah­men.

Christian Bartels